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: Gipfeltreffen der Kulturen

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Andalusien ist der einzige Ort, dessen Ruhm ebenso im arabischen und im europäischen Gedächtnis verankert ist. Und doch äußert sich die Wertschätzung ganz unterschiedlich. Während die Europäer als Touristen nach Andalusien ziehen und in Granada, Córdoba oder Sevilla allein dank der Architektur eine ...

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          Andalusien ist der einzige Ort, dessen Ruhm ebenso im arabischen und im europäischen Gedächtnis verankert ist. Und doch äußert sich die Wertschätzung ganz unterschiedlich. Während die Europäer als Touristen nach Andalusien ziehen und in Granada, Córdoba oder Sevilla allein dank der Architektur eine Ahnung von der Größe des maurischen Spanien bekommen, lebt für die Araber, von denen nur wenige das Glück haben, die Festung Europa besuchen zu dürfen, der Ruhm Andalusiens vor allem durch die dort geschaffene Poesie und Musik fort. Die nach alter Tradition gepflegte "Andalusische Musik" ist in Nordafrika gerade sehr in Mode, und die Texte der andalusischen Dichter haben seit langem klassischen Status, obwohl es nicht zuletzt europäische Gelehrte und Reisende des neunzehnten Jahrhunderts waren, die das kulturelle Erbe Andalusiens wiederentdeckten.

          In der großartigen Anthologie zur andalusischen Lyrik, die nun der - sowohl des Arabischen als auch des Hebräischen mächtige - Zürcher Romanist Georg Bossong vorgelegt hat, findet sich, ziemlich in der Mitte des Buchs, der eine und einzige Schnittpunkt des europäischen und des arabischen Blicks auf Andalusien. Dieser Punkt ist, wie Bossong feststellt, die in der Alhambra verwirklichte einzigartige "Verbindung von Dichtung, Kalligraphie und Architektur". Unter vielem anderen können wir jetzt auch die Gedichte auf deutsch lesen, die als Kalligraphie in die Räume der Alhambra gemeißelt sind. Sie vermitteln eine Ahnung von dem, was für die Araber die Größe Andalusiens bis heute bestimmt: die Macht des Worts.

          Ibn Zamrak heißt der 1393 gestorbene Dichter der Alhambra, ein Spätling unter den großen andalusischen Lyrikern. Als der Palast im vierzehnten Jahrhundert errichtet wurde, war die Blütezeit des maurischen Spanien bereits vorüber, die Reconquista und die Zerstrittenheit der Araber untereinander hatten ihr zerstörerisches Werk getan. Formale Strenge und thematische Beschränkung, die die klassische orientalische Lyrik prägen, sind bei Ibn Zamrak meisterlich auf die Beschreibung der Architektur konzentriert. Gebrauchslyrik, könnte man sagen, Bossong wagt sogar den Vergleich mit Werbesprüchen - doch warum nicht, wenn dieses Architektur- und Herrscherlob dann so klingt wie in dieser Beschreibung eines Aussichtsturms der Alhambra: "Von hier aus blickt er auf sein Reich Granada, wenn er erscheint auf dem Kalifenthron. / Weit läßt er schweifen seiner Blicke Roß - es kehrt zurück im Glanz der Siegschabracken. / Die Häuser sind den Augen eine Lust, / in Fesseln legen sie Verstand und Blick."

          Die Konvention, die poetische, die gesellschaftliche und die religiöse, ist das große Richtmaß für diese Lyrik, selbst dort, wo sie sie auszutricksen und zu überwinden scheint. Wer in diesen Gedichten eine Moderne vorgebildet sucht oder den expressiven Kick, der liegt falsch, obwohl sie sich zu ihrer Zeit eben dadurch auszeichneten. Sie waren hochmodern für das Mittelalter, Pop- und Hochkultur in einem, sie waren sogar formal einen wichtigen Schritt weiter als die klassische arabische Dichtung im Osten, entstanden doch in Andalusien erstmals arabische Strophengedichte. Nur läßt sich das Neue, Schillernde und Lebendige schwerlich in der Übersetzung herauskitzeln, ohne die philologische Seriosität über Bord zu werfen.

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