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Mafia-Roman „Schwarze Seelen“ : Wo selbst die Sprache keine Zukunft kennt

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Es zählte nur, dem Leid der Heimat zu entkommen: Das Städtchen San Luca, eine Hochburg des organisierten Verbrechens. Bild: AP

Tief im Süden wohnen die verlorenen Seelen: Eine Begegnung mit Gioacchino Criaco, dessen Roman über drei Schwerverbrecher aus einem kalabrischen Dorf auch zu einem Film wurde.

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          Drei unzertrennliche Jugendfreunde werden Mörder und international agierende Rauschgifthändler in Mailand; nicht zuletzt, weil diese Abkömmlinge von Ziegenhirten ihr kalabrisches Heimatdorf in den Bergen des Aspromonte, das alte Africo, verloren und damit ihren Kompass von Recht und Ordnung. Ausgetrickst von „Mächtigen“, bei denen man nicht zwischen den „Reichen“, den Politikern, willfährigen Richtern und den Mafiosi der „’ndrangheta“ unterscheiden kann, nehmen die drei Entwurzelten das Recht in ihre Hand. Sie werden mit ihrem Hunger nach Leben und Reichtum zu „schwarzen Seelen“, die in ihr Heimweh-Africo nur noch zurückkehren, um die Trauer über ihre verlorene Unschuld zu pflegen oder um entführte Geiseln, Waffen und sich selbst zu verstecken.

          So recht weiß man freilich zunächst nicht, ob man dem Romanautor Gioacchino Criaco trauen kann. Er stammt zwar aus diesem dunklen Italien, auch wenn er als Anwalt in Mailand eine solide Karriere machte; und sein Bruder sitzt wie viele ihm einst Vertraute in Haft. Auch scheint Criaco durchlebt zu haben, wovon er schreibt. Andererseits leben die Menschen des Aspromonte eher von frei erzählten Geschichten als vom geschriebenen Wort; und das kalabrische Italienisch hat eine andere Grammatik als die Hochsprache. In diesem Dialekt – so auch im kommende Woche auf Deutsch erscheinenden Buch – geht die Gegenwart unvermittelt ins Imperfekt über. Und es gibt kein Futur, Zukunft scheidet aus.

          Der Zementpracht fehlen die Dächer

          Aber das alte Africo gibt es tatsächlich. Allerdings haben Brombeeren das einst neuntausend Seelen zählende Bergdorf fast verschluckt, das sich wie andere Orte im Süden Kalabriens nach einem Wind nennt, hier nach einem aus Afrika. Gebirgsbäche unterspülten die alten Kopfsteingassen. Die Häuser zieren nur noch Tür- und Fensterhöhlen. In diesen Ruinen liegt der Mist von Ziegen und Schafen, die dort im Sommer Schutz vor Sonne suchen. In den himmelweit offenen Restgebälken konzertieren die Spatzen.

          Darf man diesem Erzähler trauen? Gioacchino Criaco schreibt über die Dörfer seiner Jugend.

          In den zwanziger Jahren, als wohl noch zweitausend Menschen in Africo lebten, hatte ein Graf mit den Geldern seiner Freunde eine Schule gebaut, einen Kindergarten und eine Krankenstation. Aber auch auf dieser Pracht von Zement fehlen heute die Dächer. Die Natur holte sich diese jüngeren Häuser genauso zurück wie Africos Kirche, wo das Wappen eines Kardinals über dem gähnend offenen Eingang daran erinnert, dass hier einst das Land jener Mönche war, die der griechische Kirchenvater Basilius und seine Nachfolger vor tausend Jahren übers Meer geschickt hatten, um den Menschen beizubringen, dass die Mutter Aspromonte ihre Schützlinge ernähren kann.

          Man isst hier bestenfalls Stockfisch

          Der Einsiedlermönch in der Gegend von Africo hieß Leo und liegt auf dem Friedhof vor dem Ort begraben. Er brachte den Bergbewohnern das Ackern und Säen, das Ernten und Bauen bei. „Großmutter trug noch Kleider aus selbsthergestellten Stoffen“, erzählt Criaco, „und Großvater baute sich noch seinen eigenen Ofen für das Zubereiten von Fleisch und Brot.“

          Criaco wird nicht müde, über diese „Mutter“ Aspromonte – im Gegensatz zum strengen „Vater Ätna“ auf Sizilien – zu sprechen, über jenes Waldgebirge, das bis über tausend Meter hinauf Nahrung geben kann: Dabei zeigt Criaco auf alte Oliven-, Bergamotte- und Birnbäume, macht längst verwilderte Weinranken aus, erzählt davon, dass die Kastanien für die Menschen und die Eicheln fürs Vieh gewesen seien. Dann weist er auf abgewrackte Ställe, in denen Ziegen, Schafe und Kühe gehalten wurden; in den Senken Weideland, überall Holz von Eichen und Pappeln. Nur für das Salz musste man hinab ans gefürchtete Meer. Für frischen Fisch? Bestenfalls Stockfisch hat man in Africo gegessen, sagt Criaco, an frischer Scholle hätte man sich wohl vergiftet.

          Entwurzelt und in Asbesthäuser gestopft

          Niemand wäre in diesen kargen, aber auskömmlichen Höhen zum Verbrecher geworden. Aber dann kamen, so Criaco, zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Savoyer, die mit ihrem Staat von der Poebene aus auch Italiens Süden unter Kontrolle bringen wollten. Es folgten zwei Erdbeben, zwei Weltkriege, und als 1951 Erdrutsche das alte Africo gefährdeten, verließen die Dorfbewohner, halb von der Obrigkeit dazu verurteilt, halb aus Furcht, die Heimat und zogen fünf Stunden längs des Flusses hinab ans Ufer des „Monstrums“: an jenes ionische Meer, aus dem nach der mündlichen Überlieferung ihrer Väter bisher nur Feinde ans Ufer gestiegen waren, Griechen, Goten, Normannen und Sarazenen. „Man zwang uns ans Meer“, sagt Criaco, „aber wir hatten die Türen von Africo nur verschlossen, um bald wiederzukommen.“

          Aus friedlichen Ziegenhirten des Aspromonte wurden irgendwann entwurzelte Bewohner hässlicher Asbesthäuser – und allzuoft auch Verbrecher.

          Entwurzelt und ohne Eigentum, ohne Kenntnis vom Leben in städtischer Umwelt am Meer, erst in Holzhütten und dann in Asbesthäuser gestopft, ohne Vorgarten und ohne die geliebte Herde „kluger Ziegen“: aus diesen Hirten und Kleinbauern des Aspromonte züchtete sich das Italien der sechziger Jahre das kalabrische Proletariat heran, aus dem die „Helden“ des Buches stammen. In jenem neuen Africo, das ohne Ortsschild ist, begann der Abstieg. „Untereinander waren wir herzlich, fürsorglich, fast zärtlich. Aber wer nicht zur Familie gehörte, war ein Feind und potentielles Opfer.“

          Die Bar ist ihre Universität

          Mit neunzehn Jahren hatten die drei jungen Männer, von denen Criacos Buch handelt, „bereits gestohlen, Überfälle begangen, Menschen entführt und getötet. Wir lehnten die Welt, in der wir lebten, ab, weil sie nicht die unsere war, und nahmen uns, was wir wollten.“ Auf dem Weg von der Zinkwanne, in deren lauwarme Wasser alle sechs Familienmitglieder einmal in der Woche badeten, zum Luxuspool der Rauschgifthändler in Mailand habe nur der Wunsch gezählt, dem Leid der Heimat zu entkommen, erzählt Criaco.

          Aber diese Flucht scheitert. Wenn der Schriftsteller seine Besucher durch das Neu-Africo von 2016 führt, scheint auch heute noch jedes der Häuser genauso wie der Platz vor der gesichtslosen Kirche für die Szenen einer Verfilmung des Romans geeignet. Und so wurde auch tatsächlich in Alt- und Neu-Africo 2014 der erfolgreiche Film zu Criacos Roman von Francesco Munzi gedreht; und bald beginnen dort die Dreharbeiten zu einer Fernsehserie über die „Schwarzen Seelen“.

          Es wird schon dunkel, als Criaco in die Bar gegenüber dieser Kirche zum Aperitivo einlädt. Es gibt in Africo keinen Sportverein, kein Jugendzentrum und kein Kino. So lungern Neffen, Vettern und andere Verwandte Criacos in dieser Bar herum. Ein TV-Musik-Sender beschallt die Gäste. Der Barmann serviert Kaffee, Bergamotteschnaps und Bier. „Diese Bar ist unsere Universität“, sagt Criaco bitter. Ein Junge von acht Jahren liest, wenn er nicht den Fremden lauscht, in der lokalen „Gazzetta del Sud“ die „Cronaca“ von Diebstahl und Mord. Was wird er daraus lernen? Criacos Buch und Film bringen Africo Auftrieb, halten aber auch das Leid der Menschen dort fest, wie es sich immer noch zeigt: hoffnungslos, ohne Zukunft.

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