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: Gib der freilaufenden senegalesischen Zottelziege Zaster

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Will und Hand, die beiden siebenundzwanzigjährigen Fernreisenden in Dave Eggers' Roman "Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind", haben zwei klare Ziele. Sie wollen im Laufe einer Woche einmal um die Welt fliegen, und sie wollen unterwegs ziemlich genau zweiunddreißigtausend Dollar verschenken.

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          Will und Hand, die beiden siebenundzwanzigjährigen Fernreisenden in Dave Eggers' Roman "Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind", haben zwei klare Ziele. Sie wollen im Laufe einer Woche einmal um die Welt fliegen, und sie wollen unterwegs ziemlich genau zweiunddreißigtausend Dollar verschenken. Daß ihnen weder das eine noch das andere recht gelingt, hat soviel mit mangelnder Planung zu tun wie mit ihrem Ehrgeiz. Die beiden Freunde aus Milwaukee wollen nicht bloß Meilen sammeln, ihr Flug soll ein Kunstwerk werden, vom Zufall entworfen, ein Kreuzen durch Zeitzonen und Kontinente, pfeilschnell, aber auf schlingerndem Kurs. Und ihre Wohltaten wollen sie genauso elegant und absichtslos verteilen, willkürlich wie das Schicksal selbst, ohne die Würde der Beschenkten zu verletzen oder sich selbst als Gönner zu überhöhen. Jede Gegenleistung beschämt sie, und Dank macht sie verlegen. Das Geben ist ein schwierigeres Geschäft, als es sich diese beiden Narren reinen Herzens vorgestellt haben, aber ihr rühmliches Scheitern liefert den Stoff für ein wunderbar schwebendes, neurotisches, atemloses Buch.

          Es ist das zweite von Dave Eggers, dem fabelhaft talentierten jungen Autor aus San Francisco, sein erster Roman, und doch in gewisser Weise auch eine Fortsetzung seines autobiographischen Berichts "A Heartbreaking Work of Staggering Genius", in dem er die Welt so brüllend komisch und quälend detailgetreu am Krebstod seiner Mutter teilhaben ließ, daß es dem Leser wahrhaftig das Herz zusammenschnürte. "Genius", auf deutsch als "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" (2001) erschienen, war ein lärmendes Debüt, großmäulig, prall vor Einfällen, voller Ärger und Angst und Anspielungen auf literarische Kunststückchen der Postmoderne, und zudem ein sensationeller Erfolg. "Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind" ist stiller, konventioneller in der Form und bisweilen auch weniger intensiv.

          Natürlich ist Wills und Hands Reise, die nicht wie geplant über San Francisco nach Mikronesien, in die Mongolei, nach Madagaskar, Ruanda und Grönland führt, sondern bloß nach Chicago, Dakar, Marrakesch, Riga und zurück, was Reisen in der amerikanischen Literatur seit Huck Finn und Tom Sawyer, Jack Kerouac und Thelma & Louise immer waren: Ausbruchsversuch, Initiationsritus, Expedition zum eigenen Selbst, Bildungserlebnis. Milde ironisiert Eggers die Erfahrungslosigkeit von College-Studenten aus dem Mittleren Westen, deren Weltwissen aus Filmbildern und Nachrichtensplittern zusammengepappt ist. "Wir hatten keinen Reiseführer, und bis vor zwei Tagen hatte ich mir Casablanca vor allem als Touristenattraktion vorgestellt, klein und malerisch, wie Carmel - ein paar Andenkenläden und eine Pappsilhouette von Humphrey Bogart auf Bäckereischildern und an den Wänden der Lebensmittelgeschäfte. Aber es war eine Großstadt, eine weitläufige, helle, sonnige Großstadt, mit Bergen und am Meer gelegen. Hatte ich gewußt, daß Casablanca am Meer lag? Ich weiß es jetzt nicht mehr."

          Doch das Unternehmen der beiden Weltflüchtlinge ist keine zeitgenössische Variante der klassischen Grand Tour, nicht einmal deren Karikatur. Will und Hand wollen weder Rom noch Ruinen sehen, sie wollen nicht einmal junge Römerinnen küssen. Will, ein von Herzrhythmusstörungen geplagter Schweiger, einer, der in der Disco "oft zu nüchtern war und auf die Handtaschen aufpaßte", die die Tanzenden an der Bar zurückgelassen haben, und Hand, sein immerfort schwatzender Freund, reisen nicht aus purer Lust am Unterwegssein. Sie reisen auch nicht nur, um das Geld loszuwerden, das Will als Honorar für ein Werbefoto wie nebenbei zugefallen ist. Ihre Reise ist ein Ablenkungsmanöver. Sie sausen um die Welt, weil ihr Freund Jack bei einem Autounfall überrollt worden ist und sie sein Sterben nicht fassen können.

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