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: Gewissermaßen Kolumbus

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Den Vorgang, den die amerikanische Dichterin Edna St. Vincent Millay (1892 bis 1950) im achten Sonett ihres Zyklus "Epitaph for the Race of Man" schildert, hat Rudolf Borchardt als das "Entstehen der japanischen Landbrückenmasse aus kosmischen Beben" gedeutet. Der erste Satz seiner Übersetzung des Gedichts lautet: "der Berg Miyanoshita springt entzwei und rollt zu Tal".

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          Den Vorgang, den die amerikanische Dichterin Edna St. Vincent Millay (1892 bis 1950) im achten Sonett ihres Zyklus "Epitaph for the Race of Man" schildert, hat Rudolf Borchardt als das "Entstehen der japanischen Landbrückenmasse aus kosmischen Beben" gedeutet. Der erste Satz seiner Übersetzung des Gedichts lautet: "der Berg Miyanoshita springt entzwei und rollt zu Tal". Miyanoshita ist alleings eine Ortschaft zu Füßen des Fuji. Nicht den Berg selbst zerreißt die Gewalt des Bebens, sondern die an seinen Hang gelagerte menschliche Siedlung. Wenn Borchardt in der Abgeschiedenheit seiner Villa bei Lucca keinen hinreichend genauen Atlas zur Hand hatte, hätte er diese Information dem Gedicht selbst entnehmen können, dessen elfter Vers den Regen "into the riven village" fallen läßt, in das gespaltene Dorf. Kannte Borchardt das seltene Verb "to rive" nicht? Bei ihm ist das Dorf in einer hingetupften Anspielung auf die japanische Wasserfarbenmalerei ein "entfärbtes". Auch das Rollen ist dramatisierende Phantasie des Übersetzers, die Dichterin stellt in lakonischem Fatalismus ein Rutschen ("slid") fest.

          Eine tektonische Verschiebung ereignet sich auch in Borchardts Prosawiedergabe von Millays Urtext: Unmerklich geht sie in Versform über. Die letzten sechs Verse, die von der Rückkehr des verschonten, im Bambuswald abwesenden Beobachters der Katastrophe erzählen, sind auch bei Borchardt solche, fünfhebig und gereimt: "Tod, Bruch und Schreck hat ihn nicht übermannt. Die Sonne sinkt: von hochherein gemach In sein entfärbtes Dorf der Regen fällt; Drei Tage: die Asche kühlt; er trägt und stellt Sein Kartenhaus auf der Verwindung Rand Und pflanzt die blaue Iris auf sein Dach."

          Den ersten Vers überliest man noch, die Hebungen auf "Bruch" und "ihn" - letztere hochbedeutsam zur Abgrenzung des Menschen vom Rest der widerstandslos überwältigten Welt - stellen sich nicht von selbst ein. Im folgenden Satz ist dann ein im engeren Sinne poetischer Ton unverkennbar, noch bevor der groß geschriebene Anfangsbuchstabe im Satzinneren typographisch Eindeutigkeit herstellt. Borchardt nimmt Millays "sun" das Attribut "calm", weil es durch "unhurried" verdoppelt wird und die Ruhe des Sonnenuntergangs am besten der Duktus des Verses selbst ausdrückt, mit den gewählten Wendungen "von hochherein" und "gemach". So erhält Borchardt ein Nietzsche-Zitat, den Titel eines der Dionysos-Dithyramben: "Die Sonne sinkt". Nietzsche besingt den "Tag meines Lebens", sein Gedicht ist wie Millays Zyklus ein Epitaph für das Menschengeschlecht, allerdings in der ersten Person. Auch der Same jener "purple iris", die bei Borchardt purpurblau und nicht purpurrot schimmert, mag - selbst wenn sich der leidenschaftliche Gärtner in der Botanik Japans besser ausgekannt hat als in der Geographie - von Nietzsches Küste herübergeweht sein. Im letzten Tageslicht läuft dem Dionysospriester "still über weiße Meere" seiner "Liebe Purpur", bevor mit der Sonne alles Schwere "in blaue Vergessenheit" sinkt.

          Für diese Vergessenheit wählt Borchardt ein anspruchsvolles Synonym: "Verwindung". Der Davongekommene baut sein Kartenhaus - für "paper house": der Millay kongeniale volkstümliche Wortwitz gleicht die Hebung des Tons wieder aus - "upon oblivion's brim", am Rande des Abgrunds, der die Mitbürger verschlungen hat. Daß sie starben und er lebt, daß dasselbe jederzeit wieder passieren kann, das hat laut Borchardt der Neugründer von Miyanoshita am Abend des Unglücks nicht bloß vergessen, sondern schon verwunden. Auch in seiner Seele haben sich die Massen unwiederbringlich gegeneinander verschoben. Wie alle geschichtsphilosophischen Essays Borchardts variiert Millays Weltgeschichte in Versen Nietzsches Thema des Nutzens und Nachteils der Historie für das Leben. Der Begriff "Verwindung" ist abstrakt und anschaulich zugleich: Man blickt über den Rand der Zivilisation und sieht die Windungen des Kraters vor sich, die Eingeweide der Natur, die sich an nichts erinnert.

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