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: Gewissermaßen Kolumbus

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Bei diesem im schrecklichen Wortsinn Unsäglichen handelt es sich, wie Ernst A. Schmidt in seiner Studie "Notwehrdichtung" dargelegt hat, um die sogenannten Nürnberger Gesetze. Auf die Nachricht von der Internierung eines Verwandten Hofmannsthals soll nach Schusters Angaben im Rodaun-Jambus die Zeile verweisen: "Das Blut hier / Klebt nur ganz versehentlich noch, ist aber ganz vergessen". Im Zusammenhang des Gedichts wird man das "hier" auf das "Haus" beziehen, in dem Hofmannsthal ersehnt, aber nicht mehr erwünscht ist, und an das Blut denken, mit dem die Israeliten vor dem Auszug aus Ägypten ihre Türpfosten bestrichen, um ihren Erstgeborenen das Leben zu retten. Heine hat im Caput VII von "Deutschland ein Wintermärchen" das Albtraumszenario der Umkehr dieser Heilsgeschichte entworfen: Im nächtlichen Köln bestreicht er die Türpfosten mit seinem Herzblut und überantwortet so die Hausbewohner dem Tod.

Schmidt weist darauf hin, daß der von Borchardt verehrte Giosuè Carducci in einem seiner Jamben diese schaurige Episode paraphrasiert. "Man ruht in deutschen Betten so weich, denn das sind Federbetten" - wie sie auch in der Villa Bernardini nicht stehen, wo Borchardt "seit sechs Jahren, nachts im Bette gestützt", Hofmannsthal herbeiwünscht. Es ist nur ein bürokratisches Versehen, spricht Borchardt in der Maske des NS-Kulturpolitikers, wenn auch die Familie Hofmannsthal zur Selektion vorgesehen ist. Das Mordprogramm als Travestie der jüdischen Leidensgeschichte: Dieser unheimliche Gedanke wird ausbuchstabiert im problematischsten der Jamben, "Ahasver", der 1967, bei der Erstveröffentlichung des Zyklus, von Borchardts Witwe noch zurückgehalten wurde. "Das auserwählte Volk sind sie und Du nicht mehr": Hitler spielt den Messias, und die Deutschen gönnen den Juden nicht einmal mehr den Barabbas.

In einem Sammelband über "Rudolf Borchardts Kulturgeschichtsschreibung" hat Kai Kauffmann unlängst "Ahasver" als Beweis für Borchardts "zynische" Haltung gegenüber dem Volk seiner Vorfahren präsentiert. Obwohl Kauffmanns geschmacklose Behauptung, Borchardt habe Juden und Nationalsozialisten in dasselbe "Lager" gesteckt, schon aus dem vorliegenden Textmaterial widerlegt werden kann, zeigt eine solche barbarische Lesart, wie dringlich die von Lars Korten und Gerhard Schuster vorbereitete kritische Ausgabe der Jamben ist. Das Suhrkamp-Bändchen von Elisabeth Lenk kann sie nicht ersetzen. Es ist als Leseausgabe gedacht, aber selbst als solche unbrauchbar, da das die Hälfte des Bandes füllende Nachwort kein einziges Wort zur Metrik enthält. Zwei aufeinanderfolgende Kurzverse in "Ahasver" zeigen, daß die Textkonstitution nicht korrekt sein kann.

Rudolf Borchardt starb am 10. Januar 1945 in Tirol. Er war mit seiner Familie noch aus Italien abtransportiert, dann aber freigelassen worden. Kauffmann, der ehemalige Vorsitzende der seinem Andenken gewidmeten Gesellschaft, hält ihm vor, er sei "noch im Moment der Gefahr, selber zum Opfer des Holocaust zu werden, nicht zur seelischen Annäherung an die Juden fähig gewesen". Hat Borchardt das Haus seiner Sprache am Rand einer Leichengrube gebaut? Einer Gesamtinterpretation der Jamben auf gesicherter Textgrundlage muß der Nachweis vorbehalten bleiben, daß ihrem Autor "die Gaben" nicht gefehlt haben, die Prometheus, wie ihn Edna St. Vincent Millay erträumt hat, den Menschen mitbrachte, weil sie "den Himmlischen versagt sind - Schmerz und Mitleid, zwei neue Schöpfer".

"Die Entdeckung Amerikas". Rudolf Borchardt und Edna St. Vincent Millay. Gedichte, Übertragungen, Essays. Herausgegeben von Gerhard Schuster. Mit Beiträgen von Barbara Schaff und Friedhelm Kemp. Lyrik Kabinett München, München 2004. 306 S., Abb., br., 28,- [Euro].

Rudolf Borchardt: "Jamben". Herausgegeben und mit einem Nachwort von Elisabeth Lenk. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 120 S., geb., 11,80 [Euro].

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