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: Gewissermaßen Kolumbus

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Die abwesende Welt hört zu

Das neunte und das zehnte Sonett - "Der Ausbruch" und "Die Überschwemmung" - spielen den Gedanken des Überlebens der Kultur durch naturgemäßes Vergessen noch zweimal durch. Im Flutgedicht sehen wir den Heimatlosen nach Sonnenuntergang "Quer über sein Dach wegstaken nach trockenem Grund, mit verkniffenem Gesicht und der Tasche voller Samen". Die letzte Ausfahrt des silberleichten Nachens, mit der sich Nietzsches Lebenstag vollendet, ist im Lichte dieser Anthropologie der Abstoßungsbereitschaft die Ästhetisierung einer angeborenen Überlebenskunst. Der Philosoph spiegelt sich im seelenruhigen Meer, weil er vergessen hat, daß den Menschen der Landnahmetrieb über Wasser hält.

Demgegenüber erhebt sich der Poet zu der unmöglichen Idee, daß mit dem Aussterben des Menschen seine Lebensfahrt nicht beendet sein muß. In einem an Shelley gerichteten Gedicht malt sich Edna St. Vincent Millay eine Welt aus, in der niemand mehr zuhört und die dennoch ganz Ohr ist. Von der lautmalerischen Beschwörung der Lautlosigkeit in Borchardts Übertragung geht eine berauschende Wirkung aus: "Noch, ob auch kein Lauscher bleibe, / Wühlt die Fliege an der Scheibe, / Dicklich kraust des Mooses Pelz, / Blüht die Rose durch den Spelz, / Treibt das Boot, das längst verscholl, / Fort zum Eiland Wundervoll." Was ist schon verschollen? In diesem Wort erreicht uns der Widerhall des Schalls, das Echo von allem, was je gesagt worden ist. Das Pathos dieser Stelle liegt darin, daß der Nachdichter den geflügelten Lauscher an der Scheibe in einem Moment beschwor, da er selbst nicht mehr hoffen durfte, Gehör zu finden.

Friedmar Apel hat herausgearbeitet, daß der Titel des zu Lebzeiten des Verfassers ungedruckten Millay-Aufsatzes "Die Entdeckung Amerikas" eine für Borchardts Literaturpolitik konstitutive "phantasmagorische Territorialvorstellung" artikuliert. Auch für diesen Exilschriftsteller war Amerika das rettende Ufer - aber nur im Geiste. Er nahm das Land der Freiheit in Besitz und zog sich zugleich in die innerste Emigration zurück, in den Schutzraum einer privatmythologischen Hermetik. Während der Arbeit an den Übersetzungen begann er im Herbst 1935 mit der Komposition der "Jamben", eines von vornherein unpublizierbaren Zyklus von Schmähgedichten gegen das Deutschland der Zeit.

In der Einleitung zu der vornehm gestalteten Publikation des Münchner Lyrik Kabinetts, die Borchardts Entdeckungen im sapphischen Amerika umfassend dokumentiert, zieht Gerhard Schuster einige Linien aus, die Millay-Übersetzungen und Jamben verbinden. Ungeheuer verdichtet sind die Jamben, weil sie die strengen Metren horazischer Epoden, den Wechsel von Langvers und Kurzvers, mit einem bei Millay abgelauschten Gesprächston verschmelzen. "Schatten von Rodaun", das Zwiegespräch mit dem toten Hofmannsthal, beschreibt Schuster witzig als "eine Art von imaginärem Telefonat mit dem Elysium". In der Tat läßt es an die eleganten Verrenkungen des Peinlichkeit mimenden jungen Cary Grant denken, wie Borchardt sich immer wieder selbst das Wort aus dem Mund nimmt, um dem verewigten Dichterfürsten nicht zu erklären, warum seinen Verehrern seine Wiederkehr am Ende doch nicht lieb ist. Wie der Redner sich windet, verrät: Da ist etwas, das er nicht verwindet.

Sehnsucht nach Hofmannsthal

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