https://www.faz.net/-gr3-zq8e

Gespräch mit dem Schriftsteller Ingo Schulze : Liebe in den letzten Tagen der DDR

  • Aktualisiert am

Der Mauerfall als biblische Ursituation: der Schriftsteller Ingo Schulze Bild: ZB

Ingo Schulze, Chronist der Vor- und Nachwendezeit, veröffentlicht nächste Woche seinen neuen Roman „Adam und Evelyn“. Im F.A.Z.-Gespräch fällt sein Fazit fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall eher düster aus: „Auch die alte Bundesrepublik war gerechter.“

          6 Min.

          Ingo Schulze, Chronist der Vor- und Nachwendezeit, veröffentlicht nächste Woche seinen neuen Roman „Adam und Evelyn“. Sein Fazit fast zwanzig Jahre nach dem Mauerfall fällt eher düster aus: „Auch die alte Bundesrepublik war gerechter.“

          Ihr neues Buch erzählt von den letzten Monaten der DDR, aber Sie fangen bei Adam und Eva an. Warum diese Namen, und warum wollten Sie eine Liebesgeschichte erzählen?

          Im Spätsommer 1989 entsteht unerwarteterweise eine Wahlsituation, die es so vorher nicht gab und die bald darauf auch wieder verschwindet, weil der Osten verschwindet. An dieser Stelle bricht viel auf, alle Selbstverständlichkeiten werden in Frage gestellt, nicht nur die des Ostens. Gehen oder Zurückgehen? Oder versucht man, die Wahlsituation zu erhalten, also den Urlaub zu verlängern? Für mich gibt es da Entsprechungen zu der Ursituation, wie wir sie aus dem Sündenfall kennen. Dort dreht es sich auch darum, ob man im zeitlosen Status quo verbleibt oder seiner Neugier, seiner Sehnsucht und den Versprechungen folgt und etwas riskiert. Eva und Adam war wohl klar, dass es um Verlust und Gewinn gleichzeitig geht. Schon damals fand das entscheidende Ereignis als Liebesgeschichte, als Beziehungskonflikt statt. Indem ich unsere Welt zu den alten Geschichten in Beziehung setze, messe ich eigene Erfahrung an Menschheitserfahrung.

          Bereits der Titel Ihres Buches spielt auf die Schöpfungsgeschichte an, und auch im Verlauf des Romans wecken Sie immer wieder Assoziationen an die Vertreibung aus dem Paradies. Aus welchem Paradies werden die beiden eigentlich vertrieben? Und worin liegt in Ihrer Geschichte der Sündenfall?

          Paradies und Sündenfall, Verlockung und ewiges Leben sind vor allem Kriterien, die praktisch in jedem Kapitel eine Rolle spielen. Und sie werden stets anders gedeutet. Man könnte es Flucht aus dem Paradies oder Flucht in das Paradies nennen. Zu bleiben oder zu gehen kann gleichermaßen sündhaft werden. War man im Osten glücklicher als im Westen, oder ist man im Westen glücklicher als im Osten? Wo lebe ich besser und länger?

          Die DDR steht vor dem Zusammenbruch, aber Ihr Paar interessiert sich fast nur für sein Privatleben. Sind Adam und Evelyn typisch für die Endphase der DDR?

          Wo sonst, wenn nicht im Alltag, spürte man, dass etwas passiert oder passieren muss? So ist es ja auch heute. Die Krise, in die Adam und Evelyn geraten, wäre ein halbes Jahr früher oder später ganz anders verlaufen. Evelyn hat plötzlich die Möglichkeit, nicht nur Adam, sondern ein ganzes Land hinter sich zu lassen. Das gesamte Koordinatensystem ändert sich von heute auf morgen. Wer das einmal miterlebt hat, bringt wahrscheinlich auch heute eher Distanz zu dem auf, was als selbstverständlich oder gar als natürlich gilt. An dem, was plötzlich in einer Beziehung wichtig wird, kann man ja Rückschlüsse auf die Verhältnisse ziehen. Adam und Evelyn haben eigentlich nie wirklich über Geld nachgedacht, jedenfalls spielt es bei der Berufswahl keine Rolle. Ich selbst habe im Frühjahr 1990 auch zum ersten Mal wirklich über Geld nachgedacht. Dadurch ist man auch anfälliger für Extreme, sei es die Gier oder die Verweigerung, aber das erzählt über den Westen mindestens genau so viel wie über den Osten.

          Adam ist Damenschneider, Hobbyfotograf und Frauenheld. Aber vor allem ist er jemand, der sich perfekt mit den Verhältnissen arrangiert hat; er ist zufrieden mit seinem Leben. Wollten Sie das zeigen: ein stilles Glück in der Nische der Anpassung und dessen abruptes Ende?

          Weitere Themen

          Skulpturen auf Bleistiftspitzen Video-Seite öffnen

          Kunstwerke in XXS : Skulpturen auf Bleistiftspitzen

          Der bosnische Künstler und Bildhauer Jasenko Đorđević schafft es, unglaublich winzige und dennoch detailreiche Skulpturen aus Bleistiftminen zu erschaffen. Seine Miniaturkunst zeigt er in Ausstellungen in ganz Europa.

          Topmeldungen

          Sinnbild für einen narzisstischen Chef: Michael Douglas als Gordon Gekkoim Film „Wall Street“

          Narzissmus im Job : Wenn der Chef nur sich selbst liebt

          Der Vorgesetzte ist dominant, leicht kränkbar oder cholerisch? Schnell liegt der Verdacht einer Persönlichkeitsstörung in der Luft. Doch schwierige Chefs sind nicht immer gleich Narzissten.
          Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB)

          Anleihekäufe : Die EZB bleibt im Krisenmodus

          Die jüngsten Beschlüsse zu den Anleihekäufen der Europäischen Zentralbank sind rechtlich bedenklich und strategisch äußerst ungeschickt, schreiben die Gastautoren Laus Adam und Hans Peter Grüner.
          Im Parlamentarischen Rat vor Gründung der Bundesrepublik Deutschland war die Zentrumspartei 1948 noch vertreten.

          Comeback nach 64 Jahren : Die Zentrumspartei ist wieder da

          Ein früherer AfD-Abgeordneter beschert der Partei nach 64 Jahren die Rückkehr in den Bundestag. Die älteste deutsche Partei war das politische Sprachrohr der Katholiken im Kaiserreich und in der Weimarer Republik. Wofür steht sie heute?