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„Geschwister des Wassers“ von Andréa del Fuego : Was man im trüben Wasser nicht erkennt

  • -Aktualisiert am

Bild: Hanser

Magisch, realistisch, schmunzelnd: Andréa del Fuego erzählt in ihrem bezaubernden Debütroman von drei armen Waisen in der brasilianischen Provinz.

          4 Min.

          Wenn ein Autor Sprache aufs Wesentliche konzentriert, dann verflüchtigt sie sich nicht, sondern kann paradoxerweise haptische Qualitäten entwickeln: Man meint, Worte und Sätze unter der Hand zu spüren. Andréa del Fuego, 1975 in São Paulo geboren, gelingt das gleich im Erstling „Geschwister des Wassers“, wie der Anfang des Romans zeigt: „Die Serra Morena ist steil, feucht und fruchtbar. Am Fuße des Gebirges leben die Malaquias, das Fenster ihres Hauses ist groß wie eine Tür, die Tür von der Gravität dunklen Holzes.“ Man sieht die Sätze vor sich als Schnitte in dunklem, schwerem Holz, über dessen Relief man die Fingerkuppen gleiten lässt: Ohne dass man wüsste, wie, moduliert del Fuego die Sprache so, dass Wörter und Dinge zu verschmelzen scheinen. Kein Wunder, dass „Geschwister des Wassers“ 2011 den Prémio José Saramago erhalten hat.

          So konkret die Sprache, so komplex die Handlung: Del Fuegos Geschichte ist wie ein luzider und dennoch enigmatischer Traum; sie knüpft an die surreale Tradition Lateinamerikas an. Am Anfang steht ein Unwetter: Donana und Adolfo Malaquias sterben durch Blitzschlag und lassen Nico, Antônio und Júlia als Waisen zurück. Die Kinder werden getrennt: Nico wird von Geraldo Passos, dem Besitzer der Fazenda Rio Claro, als Arbeitskraft aufgenommen; die Haushälterin Tizica wird seine Ersatzmutter. Antônio und Júlia kommen in ein Waisenhaus in der Stadt. Nur Júlia gelangt zu einer Adoptivmutter. Den kleinwüchsigen Antônio mag keiner haben, und so bleibt er bei den gutmütigen Schwestern - sein Glück, denn es ergeht ihm besser als Júlia bei der wohlhabenden, aber unausstehlichen „Matriarchin“ Leila.

          Del Fuego erzählt drei Lebenswege armer Waisen in der brasilianischen Provinz. Heranwachsen ist hier kein Zuckerschlecken, von Larmoyanz jedoch keine Spur: Der Roman ist betont lakonisch. Nico schuftet, wird ein Mann und trifft Maria; die Heirat wird beschlossen. Unterdessen wird sein Bruder zum sexuell besessenen Zwerg: „Mit sechzehn tauchte Antônio nicht mehr in die Schubladen der Nonnen ein, sondern klaute Mädchensocken. Er war versessen auf Gerüche, und alle waren sie für ihn angenehm.“ Júlia hingegen fristet ein Püppchendasein. Eigentlich sollten sich die Geschwister auf Nicos Hochzeit treffen: Tatsächlich erscheint Antônio allein und bleibt; bald bekommt Maria Zwillinge, eine Familie bildet sich. Júlia kann zwar Leila entfliehen, bleibt aber am Busbahnhof hängen, wo sie einer mysteriösen Kinderdiebin und Dinorá, einer Toilettenfrau mit suspekten Kontakten, begegnet; Dinorá besorgt ihr erst einen Job und lässt sie dann fallen. Júlia durchläuft mehrere Berufe, ist Reinigungsfrau bei den Freimaurern, Schneiderin, Modistin - stets scheitert sie wieder.

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