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„Panischer Frühling“ von Gertrud Leutenegger : Der Sand im Getriebe der Welt

  • -Aktualisiert am

Schildert Wahrnehmungen mit frappanter Präzision: Gertrud Leutenegger Bild: Picture-Alliance

Die Aschewolke des Vulkans Eyjafjallajökull setzt den europäischen Flugverkehr außer Kraft: Gertrud Leuteneggers Roman „Panischer Frühling“ erzählt von der befreienden Wirkung, die einsetzen kann, wenn ein Störfall unsere Routinen unterbricht.

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          Dem Unfall wie auch dem Störfall kann ein durchaus befreiendes Moment innewohnen: wenn auf diese Weise die eingefahrenen Abläufe unterbrochen werden und sich ein Spalt auftut im Routinierten, durch den das Bewusstsein schlüpfen und für eine Weile auf etwas abgelegeneren Pfaden wandeln kann. Im wohl berühmtesten Unfall der Literaturgeschichte ist es die Kollision von einem Lastwagen mit einem Passanten, die in dem Immergleichen der Stadt eine Zäsur setzt, die allererst ein Dazwischenkommen und damit die Möglichkeit des Erzählens eröffnet. Auch in Gertrud Leuteneggers „Panischer Frühling“ ist es ein Störfall, der das Erzählen in Gang zu setzen scheint, indes ist es einer der Natur: In Island ist der Vulkan Eyjafjallajökull ausgebrochen. Die Aschewolke, die über Europa zieht, hat große Teile des Flugverkehrs außer Kraft gesetzt, so auch in London, wo die Erzählerin von Leuteneggers Roman weilt.

          Mögen auch die Reisepläne der Erzählerin, die einen längeren Gastaufenthalt in London verbringt, nicht unmittelbar von den ausfallenden Flügen durchkreuzt werden, dann scheint doch das Wesen der Stadt durch die Stockung des Luftverkehrs wie verwandelt. „Alle Geräusche“, so das Empfinden der Erzählerin, „drängten ungehindert und geradezu triumphierend in die Leere empor.“ Und nicht nur die Geräusche sind plötzlich befreit.

          Die unterschiedlichsten Reize, Wahrnehmungen und Zustände verdichten sich und werden zugleich ausgestoßen, so wie etliche Kilometer weiter die Asche-partikel aus dem Vulkan geschleudert werden. Der verkehrstechnische Ausnahmezustand reißt den Himmel und die Sinne auf. Wenn die Erzählerin durch Westminster Abbey schlendert oder von der London Bridge auf das steigende und wieder fallende, das sich kräuselnde und irisierende Wasser blickt, dann nimmt sie alle Details mit einer Intensität wahr, die den Leser beinahe körperlich berührt.

          Ein permanentes Wogen

          Gertrud Leutenegger, die 1948 in Schwyz geboren wurde und heute in Zürich lebt, versteht es nicht nur, Wahrnehmungen mit frappanter Präzision zu schildern, sondern sie unmittelbar sinnlich werden, sie gleichsam erst entstehen zu lassen. Ein sonderbares Erlebnis von Schwindel und Ruhe zugleich ist es, in das Leutenegger den Leser versetzt, wenn ihre Erzählerin den Blick umherschweifen lässt und immerzu neue Reize in ihr Auge und ihr Bewusstsein fallen.

          Aber auch mit der Erzählerin selbst geschieht etwas. Nicht nur die Gegenwart tritt klar konturiert hervor, auch die Vergangenheit. Auf dem Wasser der Themse, an die es die Erzählerin immer wieder zieht, sieht sie die Historie aufscheinen: Bilder von römischen Legionen etwa, die Richtung Meer treiben. Mehr noch aber sind es die eigenen Erinnerungen, die an die Oberfläche drängen. Vor allem ein anderer aus den alltäglichen Routinen herausgefallener Ort ist es, der vor dem inneren Auge der Erzählerin wieder entsteht: das Haus mit dem grünen Waldzimmer des Vaters, dem blauen Kabinett des Onkels - dem Seezimmer - und dem herrschaftlichen roten Salon. Hier, in dieser eigenen kleinen Welt in der Welt, verbrachte sie mit ihren Eltern die Sommermonate.

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