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Germán Kratochwil: Scherbengericht : Plemplem in Quemquemtréu

  • -Aktualisiert am

Mapuche-Indianer zu Pferde: In Kratochwils Roman wünschen sie sich Leichtmotorräder Bild: Cristian Mino

Germán Kratochwil erzählt in seinem späten Debütroman „Scherbengericht“ vom Verfall einer Familie in Patagonien - als Gesellschaftskomödie voller psychischer und politischer Abgründe.

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          Dieser neunzigste Geburtstag sei „wahrscheinlich“ ihr letzter - so der eher drohende Unterton Clementine Holbergs. Bestellt und gerufen: So kommt am 1. Januar des Jahres 2000 ein weitverzweigter Familien- und Freundeskreis von allen Enden der Welt zusammen zur Geburtstagsfeier auf einem idyllischen Landgut in Quemquemtréu, einer kleinen Ortschaft in den südlichen Kordilleren. Unterm dezemberlich blühenden Lindenbaum gibt es köstlichen argentinischen Lammbraten und traditionellen kakanischen Kartoffelsalat. Patagonien erscheint als Land, in dem sich die Rezepte und die Schicksale kreuzen - etwa die von jüdischen Emigranten und entwichenen Nationalsozialisten. Die mitteleuropäische Auswanderergesellschaft hat viel Geschichte und viele Geschichten im Gepäck.

          Deutschsprachige Familienromane, die in Patagonien spielen, gab es bisher eher nicht. Auch vierundsiebzig Jahre alte Debütanten gehören noch nicht zum Alltag des mitsamt der Gesellschaft alternden Literaturbetriebs. Germán Kratochwil, 1938 geboren in Korneuburg, ist nach dem Krieg mit seinen Eltern nach Argentinien ausgewandert. Beruflich war er als Soziologe für internationale Organisationen tätig. Diesen Hintergrund teilt er mit der Hauptfigur seines ersten Romans, Clementines Sohn Dr. Martin Holberg, der vor der Geburtstagsfeier noch ein bisschen Vermittlerarbeit zu leisten hat. Der Beauftragte für Minderheitenschutz absolviert im Auftrag der Stiftung „Boden und Frieden“ einen Termin bei einer Mapuche-Gemeinde - die Indianer sollen Land für ein Stauseeprojekt abtreten, wollen aber nicht. Beziehungsweise: wollen mehr.

          Schließlich präsentieren sie einen ausgefeilten Forderungskatalog (unter anderem: „ein Leichtmotorrad für jedes Familienoberhaupt“). Hier geht es um „nachhaltige Entwicklungen“ und hochgesonnene Phrasen. Vierzig Jahre hat Martin Holberg an die „Möglichkeit einer besseren Gesellschaft“ geglaubt. Um nun, an der Schwelle zur Pensionierung, ein neues Credo zu entwickeln: „Ich scheiß drauf!“ Dabei war er schon lange „ein inwendiger Zweifelbruder“ und damit ein „potentieller Saboteur des eigenen Gewerbes“.

          Neunzig Jahre und kein bisschen leise

          Holberg ist zur Feier unterwegs mit seiner labilen, naturschwärmerischen Tochter, die er gerade aus der Psychiatrie abgeholt hat. Katha fühlt mit allen Kreaturen - und erleidet paranoide Schübe. In den Müsli löffelnden, Eier köpfenden Gästen im Frühstücksraum eines Hotels sieht sie Teilnehmer eines „Internationalen Gehörfolterkongresses“. Und was bekommt sie zu hören, als sie beim Whale Watching die Spezial-Kopfhörer aufsetzt? Die Tiere beschimpfen sie ganz unflätig. Martin erlebt fürsorglich erschüttert das Abdriften eines geliebten Menschen in eine andere Welt.

          Bild: Verlag

          Sohn Gabriel kommt als Paraglide an den Geburtstagstisch geflogen. Ansonsten ist auch er nicht gerade ein Überflieger: Nach allerlei Studien (Philosophie, Politologie) ist er zum drogenkundigen Sinnsucher geworden, bis er schließlich in einer kuriosen schweizerisch-patagonischen Sekte landete, der Bruderschaft der „Schaler“ unter Leitung des Meisters Hans-Heinz Futterer, Leitspruch: „Fülle die Schale mit deinem Eigenen, komm zu uns und bleibe!“ Oma Clementines Blick auf die Enkel hat die Buddenbrook- Optik: letzte verdorrende Äste im Stammbaum einer „Patrizierfamilie“.

          Ansonsten fühlt sich die Alte aber durchaus wohl in ihrem „Kreis überlebensfroher, kartenspielender und tortenverzehrender Witwen“. Neunzig Jahre und kein bisschen leise mit der Lästerzunge, wenn sie etwa über eine Freundin des Sohnes grübelt, die Malerin Norah Borges und ihren „sehbehinderten Schriftstellerbruder, den Georgie - einen armen Schlucker, bis er zuletzt etwas bekannter geworden war“. Man stutzt - ist wirklich der berühmte Jorge Luis gemeint?

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