https://www.faz.net/-gr3-a76uy

Roman von Gerhard Köpf : Ehrenwerte Gesellschaft mit Blick für Mehrwert

  • -Aktualisiert am

Das Allgäu. Unendliche Weiten. Doch in der so leer scheinenden Winterlandschaft siedelt Gerhard Köpf heiße mafiöse Umtriebe an. Bild: dpa

Auf dem Weg zur Henkersmahlzeit: Gerhard Köpfs Mafia-Roman „Palmengrenzen“ findet im Bärenmarke-Paradies Allgäu eine ganze Herde Raubtiere.

          3 Min.

          Ein Grundsatz der Mafia 3.0, von der Gerhard Köpf in seinem neuen Buch ebenso kenntnisreich wie virtuos erzählt, ist ihre Geräuschlosigkeit. Gelegentlichen Gebrauch einer Schusswaffe schließt das nicht aus, aber statt wild herumzuballern, kommt es darauf an, möglichst wenig aufzufallen. Das gilt auch für Köpfs Roman, der im Verborgenen blüht und unter dem harmlos klingenden Titel „Palmengrenzen“ gleich mehrere Bücher in sich vereint: einen Krimi, der Sogwirkung erzeugt und den Spannungsbogen durchhält bis zum letzten Satz, ein Sachbuch über die sizilianische Mafia, einen Ratgeber über den Umgang mit der Ehrenwerten Gesellschaft und eine die Sucht nach mehr erzeugende Droge – zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie den Beipackzettel und fragen Sie Ihren Arzt oder Buchhändler.

          Den Beipackzettel gibt es wirklich: vom obligatorischen Hinweis auf den fiktiven Charakter der im Text erwähnten Personen und Ereignisse bis zur Leseliste am Schluss des Buches, die alles versammelt, was Rang und Namen hat im weiten Feld der Mafia-Literatur, von Maike Albath bis zu Leonardo Sciascia. Dazwischen eingestreut sind skurrile Rezepte und Exzerpte zur Geschichte der Henkersmahlzeit, die zu schreiben der Protagonist, ein pensionierter Notar, sich vorgenommen hat: „Mahl und Trunk gehören zur gelingenden Hinrichtung. Das Geschick des Scharfrichters ist ebenso Bestandteil dieser Dramaturgie wie die letzten Worte des Geistlichen.“

          Selbstauferlegter Schreibzwang

          Der Held trägt Züge des Autors Köpf: Beide stammen aus dem Allgäu, beide haben an der Universität der Stadt Duisburg gelehrt, wo im August 2007 sechs Männer nach einem Henkersmahl beim Edelitaliener erschossen wurden – der spektakulärste Mafia-Mord der Bundesrepublik; Opfer und Täter kamen aus demselben Dorf in Kalabrien, einer Hochburg des ’Ndrangheta-Clans. Untrügliches Kennzeichen eines Mafia-Verbrechens ist, dass alle Beteiligten, Auftraggeber wie Mitwisser, deutsche wie italienische Behörden hartnäckig leugnen, dass es die Cosa Nostra überhaupt gibt. Und die Hinterbliebenen der Opfer werden durch Drohungen und/oder Geld zum Schweigen gebracht.

          Gerhard Köpf: „Palmengrenzen“. Roman
          Gerhard Köpf: „Palmengrenzen“. Roman : Bild: Braumüller Verlag

          Was Bruno Ziegler, dem pensionierten Juristen im Roman, zum Verhängnis wird, ist sein selbstauferlegter Schreibzwang. Auch den hat er mit dem Autor Gerhard Köpf gemein: „Mein Bleistift trieb mich weiter, die Worte flogen nur so aufs Papier, sie ließen sich nicht länger zurückhalten. Mich erfasste eine Art Schreibrausch, und mich überraschte, was sich da wie von selbst formulierte und unter der Hand zugleich ein Ich entwarf, in dem das Subjekt vom Ego separiert war.“

          Ein Staat im Staate

          Gerhard Köpf ist ein poeta doctus, der im Zweitstudium Medizin studiert und kenntnisreiche Essays über seine Lieblingsautoren Borges, Ezra Pound und Hemingway publiziert hat. Das vorliegende Buch ist die Fortschreibung seiner Allgäu-Saga, die mit dem Roman „Innerfern“ 1983 begann. Worum geht es?

          Es geht, kaum zu glauben, aber wahr, um die Unterwanderung des Allgäus durch die süditalienische Mafia, von Eisdielen und Pizzerien bis zu Nobelrestaurants und Hotels, die der Geldwäsche dienten. Die Anbindung an Italien und zur nahegelegenen Schweiz war dabei ebenso von Vorteil wie die Hegemonie der Kirche und der CSU, die der Struktur der Cosa Nostra entgegenkam. Aber auch grüne Gutmenschen holten die Mafia-Paten sich ins Boot, als sie ihr Geschäftsfeld erweiterten: von Prostitution und Drogenschmuggel zu Wellness-Spas, Alternativmedizin und ökologischer Landwirtschaft, Entsorgung von Giftmüll und Einschleusung von Migranten, Organhandel inklusive. Mit dem Segen der Kirche entstand so, von der EU subventioniert, lautloser und effektiver als jede vom Volk gewählte Regierung, ein Staat im Staate, der das Allgäuer „Bärenmarke“-Idyll zum Mafia-Paradies werden ließ.

          Ehefrauen sind Mütter und Komplizinnen

          Doch nicht nur, was er erzählt, auch wie er dabei zu Werke geht, macht Köpfs Buch so lesenswert, angefangen bei Wortschöpfungen, die mehr sind als bloße Witzeleien – vom Intrigantenstadel und der Betriebsmilbe bis zur Neidgenossenschaft. Das folgende Zitat spricht für sich: „Mafiosi haben ein unterentwickeltes Sexualleben. Die meisten leiden unter ejaculatio preacox. Ehefrauen sind Mütter und Komplizinnen. Potent ist der Mafioso nur mit der Pistole. Kommandieren ist besser als ficken.“

          Anders als die von ihm verachteten Prosecco-Künstler von Schwabing, kennt und schätzt der Protagonist des Romans nicht nur die mediterrane Küche, sondern auch Italiens Sprache und Literatur. Er hat lange in Rom gelebt, was dem Autor ermöglicht, einen satirischen Exkurs über die Villa Massimo in den Text einzubauen, aber dieser Ziegler weiß zu viel. Als die Witwe eines Hoteliers, der Mitglied der Ehrenwerten Gesellschaft war, dem professore anbietet, die Nachfolge ihres von der Mafia ermordeten Mannes anzutreten, ist es zu spät.

          Was dann passiert, darf hier nicht verraten werden – gemäß dem Motto von Alain Delon, das Gerhard Köpfs Roman voransteht: „Die schönsten Stunden im Leben liegen häufig ein wenig außerhalb der Legalität.“

          Gerhard Köpf: „Palmengrenzen“. Roman. Braumüller Verlag, Wien 2020. 240 S., geb., 22,– €.

          Weitere Themen

          Vom Dilemma der Risikokompensation

          Alles wird gut? : Vom Dilemma der Risikokompensation

          Bei der Aussicht auf Schnelltests und Impfstoffe wird immer wieder auf eine „Licht am Ende des Tunnels“-Rhetorik zurückgegriffen. Das ist gefährlich. Allein die Empfindung eines geringeren Risikos kann das eigene Verhalten verändern.

          Topmeldungen

          Unsere Autorin: Rebecca Boucsein

          F.A.Z.-Newsletter : Corona-Gipfel XXL: Testen und (ein bisschen) Öffnen

          Nach dem neunten Corona-Gipfel steht fest: Der Lockdown wird verlängert. Tests sollen ein paar Freiheiten möglich machen. Doch viele Fragen sind noch offen. Haben sich die Verhandlungen gelohnt? Darüber wird heute debattiert. Der F.A.Z.-Newsletter.
          Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen in der Kleinstadt Wohlen im Kanton Aargau am 20. Februar 2021

          SVP gegen Corona-Regeln : Die Schweiz, eine Diktatur?

          Die SVP gehört der Schweizer Regierung an. Das hindert die Führung der größten Partei des Landes nicht daran, es wegen der Corona-Politik als Diktatur zu bezeichnen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.