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Gerhard Falkner: Pergamon Poems : Wie viele Gigabyte hat dieser Fries?

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Bild: Verlag

Vierhundert Verse gegen ein Weltwunder: Gerhard Falkners „Pergamon Poems“ verhandeln zwischen Geschichte und Gegenwart.

          Was kein Werk wird, nennt sich modisch ein Projekt. Ein solches entstand aus dem Auftrag der Staatlichen Museen zu Berlin, eine Reihe von Filmen zur Ausstellung „Pergamon - Panorama der antiken Metropole“ zu produzieren. Innerhalb des medialen Konzepts sollten Schauspieler lyrische Texte sprechen.

          Gerhard Falkner wurde beauftragt, diese zu schreiben. Aber nicht ein Medienmix im Dienst der Museumspropaganda steht zur Debatte, sondern Falkners Gedichte, die jetzt als „Pergamon Poems“, mit ihren Übertragungen ins Englische, als schmales Buch vorliegen - ganze vierhundert Verse gegen ein Weltwunder der Kunst. Als erfahrener Lyriker tat Falkner gut daran, aus den Gestaltungen des Pergamon-Altars einige wenige Figuren und Szenen herauszugreifen.

          Wenn er von Apollon redet, ist Rilke nicht fern: „doch jeder Teil (der aus sich selber lacht) / bewahrt noch seinen Stolz aufs Ganze“. Glücklicher ist Falkner, wenn er Bildnerisches ins Filmische übersetzt. So ist ihm die Artemis-Gruppe „Actionkino“, und er lässt Leto dem Stein entsteigen „wie eine Panzerfaust / die Fackel auf den Feind gerichtet“. Solch filmende Sprache konkurriert mit der Kamera, die in den fünf Clips der dem Buch beigegebenen DVD über die entsprechenden Partien der Bildwerke fährt.

          Antikenverehrung oder Aktualisierungssucht?

          Damit wechseln jeweils fünf Jungschauspieler, die Texte über Asteria, Aphrodite, Artemis, Apollon und Kybele rezitieren, leise, in vibrierender Coolness. All das mag die Emotionen bündeln, aber es schwächt die Gedichte, ihre Kraft, ihre Komplexität. Der einsame Leser kann sich zum Glück an ihre Bildkraft halten. Denn dort liegt ihre Stärke, nicht in ihren Reflexionen. Vor allem deshalb, weil Falkners Haltung der Antike gegenüber zwiespältig ist. Er möchte weder Bildungsphilister sein noch zynischer Pop-Artist und schwankt so zwischen Antikenverehrung und Aktualisierungssucht. Das führt zu einer Rhetorik, die auf Beifall aus ist. So in der zweimal gestellten Frage: „Wie viele Gigabyte hat dieser Fries?“

          Dabei ist Falkners Respekt vor der antiken Kunst- und Götterwelt echt und spürbar. Er sieht den säkularisierten Menschen unfähig zu Kunst und Metaphysik: „Das Schöne / (das wir kaum noch kennen) / denn uns erreichen vom Himmel allenfalls / heruntergeladene Klingeltöne.“ Nur wird diese Zivilisationskritik ohne Verve vorgetragen - als Bedauern, dass der Zeitgenosse sein Leben im „Lustigen“ verpuffen lässt. Man hätte sich von Falkners „Pergamon Poems“ mehr Feuer gewünscht. Mehr riskante Schönheit.

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