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: Geradlinig ist nur der Tod

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Der Roman hat 304 Kapitel und neunhundert Seiten. Sein Inhalt läßt sich kurz zusammenfassen: Er schildert Liebe unter schwersten Bedingungen, "Romeo und Julia" in Syrien. Die unmögliche Liebe zwischen Rana Schahin und Farid Muschtak, den Kindern verfeindeter Clans aus dem Bergdorf Mala, ist der Stoff des Zauberteppichs.

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          Der Roman hat 304 Kapitel und neunhundert Seiten. Sein Inhalt läßt sich kurz zusammenfassen: Er schildert Liebe unter schwersten Bedingungen, "Romeo und Julia" in Syrien. Die unmögliche Liebe zwischen Rana Schahin und Farid Muschtak, den Kindern verfeindeter Clans aus dem Bergdorf Mala, ist der Stoff des Zauberteppichs. Er ist nicht frei von Webfehlern, ausfransenden Fäden und ausufernder Ornamentik, und doch werden die tausendundein Erzählstränge zu einem Muster verknüpft: Damaskus-Erlebnisse, hell und dunkel. Rafik Schami, 1946 in Damaskus geboren und 1970 vor Militärdienst und politischer Verfolgung nach Deutschland geflüchtet, verknotet zwei Liebesgeschichten: So wie Farid und Rana ihre verbotene Liebe gegen Gewalt, Mißtrauen, Trennung und Zweifel behaupten, ist auch er seiner Heimat im Exil treu geblieben.

          "Die dunkle Seite der Liebe" beschwört die Farben, Gerüche und Gerüchte von Damaskus, die Straßen und Cafés, in denen sich in den fünfziger und sechziger Jahren liberale Intellektuelle, Kommunisten, Nationalisten und Moslembrüder stritten, prügelten und gegen Armee und Geheimdienst zusammenrauften. Der Roman belauscht die Verschwörer im Untergrund und in den Folterkellern, die "Mondfrauen" im Bad, die Zöglinge in der Klosterschule, die Händler und Kamelschlachter in den Suks. Er erzählt das tolldrastische Schnurren von Omar, dem Bügler, und Mansur, dem Mäusefänger, von Sodomiten und zickigen höheren Töchtern; rührende und schreckliche Geschichten von Ehrenhändeln, Stammesfehden, Blutrache und Mord. Wir erfahren, wie Farid, der entlaufene Jesuitenschüler, mit dem Kommunismus kokettiert und in die Hölle der Straflager absteigt, wie seine Freundin zum "Kaktus" verdorrt und in der Psychiatrie landet. Gesellschaft, Geschichte und Politik zeichnen das Paar an Leib und Seele mit tragischem Pathos; der Erzähler, bei allem Zorn humaner und milder gestimmt, läßt die beiden mit dem Leben und der Liebe davonkommen.

          Zwischen ihnen steht nicht nur der alte Haß zwischen den griechisch-orthodoxen Muschtaks und den katholischen Schahins, arabischer Chauvinismus und der Ehrenkodex der Clans, sondern fast ein Jahrhundert ethnischer, sozialer, religiöser und politischer Konflikte, vom Kampf gegen osmanische und europäische Kolonialherren bis zur Ausrufung der Republik 1947, von der Schreckensherrschaft der Putschgeneräle bis zur Machtübernahme von Hafiz al Assad 1970. Die Auseinandersetzungen zwischen Schaklanisten, Hablanisten und Baathisten, Alawiten, Schiiten und christlichen Sekten sind auch mit Hilfe des "Einlesebuchs" schwer nachzuvollziehen. Das Drama der Liebe um so leichter: Farid und Rana sind von Brüdern und Vätern, Spitzeln, Verrätern und Haßpredigern umzingelt, werden zu Heimlichkeiten und Kompromissen gezwungen, auseinandergerissen und um so fester zusammengeschweißt.

          1962 wurde Schami Augenzeuge eines Ehrenmordes an einer Muslimin, die einen Christen geliebt hatte. Die Urszene ist im Roman zu einer Episode geschrumpft - und zu einer Enzyklopädie aller Liebschaften unter erschwerten Bedingungen aufgegangen. Fast vierzig Jahre hat Schami mit dem Stoff seines Lebens gerungen, der sich ihm mal entzog, dann wieder anschwoll. Lange experimentierte er mit einem uralten verrückten Erzähler; aber eine burleske Scheherazade schien ihm der falsche Ton. Jetzt hat Gibran, der Seemann, die Rolle des verrückten Märchenerzählers übernommen; aber auch Farid beherrscht die Kunst, die "Zunge zu satteln und davonzureiten". Den Stein des Weisen fand Schami am 14. August 1995, angeblich im Traum: Wie der Mosaikkünstler, bei dem er einst in die Lehre ging, wollte er fortan kalligraphisch bemalte Steine zu einem Bild ordnen, das sich erst aus der Distanz als Komposition zu erkennen gibt. Die Technik ist weder sonderlich originell noch spezifisch orientalisch. Aber mit diesem Roman ist Schami endgültig einer der am hellsten leuchtenden Steine im bunter werdenden Mosaik der deutschsprachigen Immigrantenliteratur geworden.

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