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Georges-Arthur Goldschmidt: Ein Wiederkommen : Die Umgebung als Heimwehschutz

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Herta Müller hielt die Rede auf Georges-Arthur Goldschmidt am Mittwoch im Literaturhaus Berlin Bild: Andreas Pein

Gegenteil von Rückkehr: In der grandiosen Erzählung „Ein Wiederkommen“ des deutsch-französischen Schriftstellers Georges-Arthur Goldschmidt funkeln die Sätze ins Unerlaubte.

          Der Zug ist „ein heller Strich im Mondlicht“ schreibt Georges-Arthur Goldschmidt. Und in diesem Zug sitzt Arthur Kellerlicht, der Protagonist der Erzählung „Ein Wiederkommen“. In diesem „vom Mond beleuchteten schmalen Strich saßen oder lagen einige hundert Menschen, je nach Reichtum in weichen Bettüchern oder auf Leder, Kord oder Holz, schlafend, dösend, nachdenkend, wartend, traurig, ruhig oder froh, und von all diesen jahrzehntelangen Geschichten eines jeden war nichts zu sehen, nichts zu vernehmen, und doch zog da in jenem winzigen Strich, der da fuhr, die ganze Welt vorbei. Es war eigenartig, dass die Gesichter der Mitreisenden einfach so mitfuhren ... mit allem Zubehör: Nase, Lippen, Kinn, Stirn. Alles hatte sie immer, zu jeder Gelegenheit begleitet, war immer dabei, hatte alles gehört und gesehen“, denkt Arthur Kellerlicht.

          Zugfahrten sind für Arthur Kellerlicht von Anfang an Angstfahrten. Das beginnt mit der ersten Zugfahrt, mit der Grundverletzung, dass die Eltern ihren zehnjährigen Sohn Arthur aus Nazideutschland nach Frankreich verschicken, um sein Leben zu retten. Denn nach den Rassengesetzen sind die deutschen Juden „geburtsschuldig“, haben kein Recht auf Leben. Arthur landet in einem Internat in den Savoyen und wird bei Bauern versteckt, als die Deutschen auch Frankreich besetzen. Über die Schrecken der Internatszeit hat Goldschmidtdas Buch „Die Absonderung“ geschrieben: unsägliches Heimweh, totale Kontrolle, Züchtigung durch sadistische Strafen, Prügel auf den nackten Körper mit der Haselnussrute, die er selbst schneiden muss, sein Jaulen im Schmerz, die feuerroten Striemen, für die er sich bedanken muss. Und wie dieses psychisch ruinierte Kind, als Verlängerung der Qual aber auch als Gegengewicht, die sexuelle Lust am eigenen Körper entdeckt, die Liebe zur Haselnussrute auskostet als verzweifeltes Glück, das Onanieren als „fleischliche Träumereien“. Das Internat dauert acht Jahre.

          Von chronischem Heimweh

          „Ein Wiederkommen“ beginnt mit der zweiten Angstfahrt aus dem dörflichen Internat aufs Gymnasium nach Paris. Arthur ist bereits achtzehn, wohnt in der Dachstube eines Waisenhauses. Aber die Zeit des Internats hört nie auf, sie ist fertig eingeschlichen in alles, was ihn umgibt. Er schafft das Abitur nicht, hat den Kopf nicht frei. Er lebt gefangen im „großen Trubel des Danach“ - die Grundverletzung hat ihm die Eltern und die Heimat geraubt. Immer wieder stellt er sich hinter der langen Zeit vor, „was ihm von der Mutter geblieben war, eine Silhouette in weißen wehenden Kleidern, im sommerlichen sonnenüberfluteten Garten, unter den hohen weißen Wolken ... Sie hatte seine Hände gehalten und sich mit ihm lachend im Kreise gedreht, und dann war sie auf einmal weg.“ Und „was blieb war die trostlose Trunkenheit des Heimwehs.“

          Man weiß von allen, die chronisches Heimweh hatten, Heimweh schwelt und vergrößert sich mit der Zeit, wird aber nie erwachsen. Und durch die „Absonderung“ von den Eltern hat man Arthur, und das ist das Schlimmste daran, die eigene Person gestohlen. Er sieht seinen Körper als „Begleiter“ von etwas, von dem er nicht weiß, was es ist: „Es erinnerte ihn an die Zeit im Internat, als es immer einige gab, die ohne weiteres ganz einfach existierten, wohingegen er nur immer mit sich selbst zu tun hatte ...Dabei machte sich sein innerer Begleiter immer über ihn lustig.“

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