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Georg Witkowski: Von Menschen und Büchern : Selige Zeiten, brüchige Welt

  • -Aktualisiert am

Bild: Lehmstedt

Ein großer Mittler zwischen Wissenschaft und Welt: Die Memoiren des Germanisten Georg Witkowski bieten mehr als nur Reminiszenzen aus einem Gelehrtenleben.

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          Zwei Ausgaben machten „Faust“ und „Woyzeck“ zu literarischen Ereignissen des zwanzigsten Jahrhunderts: Goethes Stück erschien 1906 sorgfältig kommentiert in der legendären Reihe „Meisterwerke der deutschen Bühne“ und erlebte bis 1950 zehn Auflagen. Büchners spät zusammengepusseltes Fragment wurde überhaupt erst mit der Insel-Edition von 1920 allgemein bekannt. Der Name des Philologen, der dem Publikum diese und viele weitere wunderbare Buchschätze übergab, ist heute nur noch Spezialisten bekannt: Georg Witkowski. Zwischen 1889 bis 1933 lehrte er an der Universität Leipzig, zunächst als Privatdozent, dann als außerordentlicher Professor und erst im letzten Jahr vor dem Ruhestand als Ordinarius. Als die Nazis dem Gelehrten jüdischer Herkunft 1933 das Recht entzogen, seine über die Emeritierung hinaus fortgeführten Lehrveranstaltungen weiter abzuhalten, floh er in die Niederlande. Er starb drei Wochen nach Kriegsausbruch.

          Über sein umfangreiches wissenschaftliches Werk hinaus hat Witkowski Lebenserinnerungen hinterlassen. Das Typoskript erschien 2003 im Leipziger Lehmstedt Verlag. Wider Erwarten war dieses Buch ein riesiger Erfolg, der jetzt Anlass zu einer korrigierten Neuausgabe gibt.

          Verletzungen des nationalen Hörempfindens

          Der jähe Bruch in diesem Leben für die Literatur ist zugleich der Auslöser für Witkowskis Erinnerungen: Ende April 1933 fordert ihn das Ministerium für Volksbildung auf, seine Lehrtätigkeit ruhenzulassen, da er „das nationale Empfinden der Hörer erheblich verletzt“ habe. Witkowski ist empört, er verweist auf seinen freiwilligen Kriegsdienst, auf erhaltene Auszeichnungen, auf die im Vorjahr vom Reichspräsidenten verliehene Goethe-Medaille. Doch gegen perfide Denunziationen ist nichts auszurichten. Witkowski darf nicht mehr lehren, nicht mehr in der Bibliothek arbeiten, nicht mehr publizieren, muss sich als „jüdischer Leichenfledderer“ beschimpfen lassen. Am 30. Oktober 1937 wird er für zwei Wochen von der Gestapo inhaftiert, verhört, gedemütigt. Aus dem Gefängnis schreibt er mit unglaublicher Noblesse an seine Töchter, ohne Wut, ohne Bitterkeit, allein, um sie zu beruhigen. In diesen zwei Wochen ordnet er seine Memoiren und schreibt sie nach der Entlassung nieder.

          An erfüllenden Erlebnissen und Begegnungen ist diese Vita reich. Witkowski versteht aber auch, sie darzustellen, durch „eingestreute Miniaturporträts“ zu beleben und dabei von prägnanten Details auszugehen, ohne die - Goethe zufolge - ein Leben „ohnedem weiter nichts“ ist. So ersteht vor den Augen des Lesers eine Berliner Kindheit in der Generation vor Walter Benjamin. Den Prospekt bildet der große Börsenkrach von 1873, durch den die wohlhabende Bankiersfamilie hautnah das Phänomen der Fallhöhe erlebt. Es folgen das Studium in Leipzig und München sowie Dissertationspläne über Friedrich Nicolais Rezensionsfabrik „Allgemeine deutsche Bibliothek“. Doch Witkowski wendet sich lieber dem Barock zu, promoviert über den ersten deutschen Tasso- und Ariost-Übersetzer Diederich von dem Werder bei Michael Bernays, dem er eines der schönsten Porträts des Buches widmet. Zur Disputation wurden damals noch Thesen gedruckt und ausgehängt, der „Doctorandus“ fuhr - angetan mit Frack, Degen und Dreispitz - bei allen Professoren vor und lud sie persönlich zur Zeremonie, die dann höchst ritualisiert ablief.

          Brautschau auf Orientalistenkongress

          Für Witkowski gehört das ebenso zu den vergangenen seligen Zeiten wie die erste Teilnahme an einer Goethe-Versammlung in Weimar. Auch Schilderungen wie Witkowskis Brautschau auf einem Orientalistenkongress, nachdem er sich kurz zuvor in einem Londoner Etablissement mit der „gebefreudigen Weiblichkeit“ vertraut gemacht hat, sind nicht frei von wilhelminischem Professorentum. Doch muss man es deshalb nicht Arno Schmidt gleichtun, der Witkowski in seinen Radioessays „in gelehrtem Falsett“ parodiert. Denn dafür hat er für die deutsche Literatur seit Martin Opitz zu viel geleistet, wissenschaftlich wie institutionell.

          Vor allem betont Witkowski stärker als viele Germanisten seiner Generation das künstlerische gegenüber einem bloß historischen Interesse an Literatur. Dazu gehören nicht zuletzt schöne Ausgaben für weitere Leserkreise, die er als Mitbegründer der „Gesellschaft der Bibliophilen“ und der „Zeitschrift für Bücherfreunde“ veranstaltete. In der Öffentlichkeit war er als begabter Redner sowie als Theaterkritiker präsent, auch in der „Frankfurter Zeitung“. Und Frank Wedekinds „Büchse der Pandora“ sowie Arthur Schnitzlers „Reigen“ verteidigte er sogar vor Gericht.

          Witkowski, bei dem Georg Bondi und Erich Kästner promovierten, war ein großer Mittler zwischen Wissenschaft und Welt. Die Liste seiner Verdienste ist lang, doch in seinen Erinnerungen „Von Menschen und Büchern“ kehrt er sie nirgends heraus. Stets bleibt er so vornehm und bescheiden wie in jenem stoischen Brief aus dem Gefängnis, den erst das ausgezeichnete Nachwort von Bernd Weinkauf zugänglich macht. Bereits der Briefbeginn verrät da den geübten Erzähler, der er auch in seinen Memoiren ist: „Ihr seid wissbegierig und ich habe Zeit genug, Euch noch vor dem Mittagessen über meine Erlebnisse zu berichten.“

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