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Georg M. Oswald: Unter Feinden : München brennt

Bild: Piper Verlag

Ein von moralischen Fallstricken geplagter Polizist „Unter Feinden“: Georg M. Oswalds neuer Roman ist eine Münchner Milieustudie vom Feinsten, die auch die Spannung nicht vernachlässigt.

          Neue Besen kehren zackig: Die Staatsanwältin heißt Didem Osmanoglu, trägt Kostüme mit gleichfarbigem seidenem Kopftuch und ist überhaupt eine ziemlich ehrgeizige Person. Der Polizeipräsident ist seit zwei Wochen im Amt, sein Anspruch auf rasche Aufklärung erheblich. Für die Polizei steht das wichtigste Ereignis des Jahres ins Haus - die Münchner Sicherheitskonferenz. Die ganze Welt sieht auf den Bayerischen Hof (der im Roman Wittelsbacher Hof heißt) und seine weltbekannten Gäste. Da passt es nicht ins Bild, dass bei einer Observierung im Westend ein Türke angefahren und ins Koma geschleudert wurde. Noch weniger gut macht es sich, dass der Täter ein Polizist war, was aber nur die „Arabs“ wissen, die den Tathergang miterlebt haben.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Kessel und Diller, so heißen die beiden sehr gegensätzlichen Ermittler, die Georg M. Oswald in seinem Kriminalroman „Unter Feinden“ auf die Jagd schickt. Sie jagen, und sie werden gejagt. Von den eigenen Leuten, vom schlechten Gewissen und anderen, dunkleren Abgründen. Kessel ist drogensüchtig und entzieht sich allen Versuchen, sich durch Entzug von der Sucht zu kurieren. Er war es, der den Drogendealer nach einem verpatzten Handel überfuhr. Diller vertuscht die Tat, lässt den Wagen reparieren. Für ihn steht viel auf dem Spiel. Denn Diller, der vier Semester Philosophie studierte, bevor er in den Polizeidienst trat, ist bürgerlich geworden. Seine Frau lehrt an der Universität, sein Sohn geht aufs private Gymnasium, das Reihenhaus steht in einem besseren Viertel im Münchner Süden.

          Die gemeinsame Vergangenheit mit Kessel reicht bis dorthin: Denn Kessel und Diller lieben die gleiche Frau; nur dass Diller sie geheiratet hat. Maren brachte eine Stieftochter mit in die Ehe. Die liest Ernst Jünger, Carl Schmitt und Tiqqun und macht ihrem Bullenvater das Leben zur Diskussionshölle, wenn sie nicht gerade gegen die Polizei demonstriert. Denn nach Kessels Amokfahrt ist im Westend ein Aufstand ausgebrochen, der auf die Innenstadt übergreift. München leuchtet? Vom Schein der brennenden Autos, die Randalierer anzündeten. In der sonst entspannten Metropole herrscht Ausnahmezustand. Und Kessel ist untergetaucht aus Angst vor einem Racheakt der Arabs. Seine Sucht macht ihn zu einem willigen Werkzeug einer internationalen Verschwörerbande. Er wird geködert und als Attentäter angeworben. Bei der Sicherheitskonferenz soll er einen Redner, der vor den Großen der Weltpolitik sprechen soll, töten. Der Amerikaner Jeremy Kindall hat eine Vergangenheit als Söldner. Da ist eine Rechnung offen.

          Das Bild der wohlstandsgesättigten Metropole zurechtrücken

          Diller weiß, dass seine Loyalität zu Kessel eine tickende Zeitbombe ist. „Der rechtliche Standpunkt berücksichtigte nicht, dass Diller Gründe hatte, das genaue Gegenteil von dem zu tun, was möglicherweise klug gewesen wäre. Keine Gründe vielleicht, die sich am Ende zu seinem Vorteil auswirken würden. Aber gute, da war er sich sicher.“ Der Rechtsanwalt Oswald nimmt sich rund um diesen Loyalitätskonflikt einen im Kern ungeheuerlichen, im Genre sehr beliebten Fall vor. Die Staatsmacht tut genau das nicht, wofür sie da ist, sie verschleiert, trickst, betrügt. Juristischen Sound bekommt man trotzdem nicht vorgesetzt, eher orientiert sich der Autor am lapidaren Stil des Hard-boiled, den er mit Orts- und Mentalitätskenntnis unterfüttert.

          Dass im Westend die Hälfte der Bewohner einen Migrationshintergrund hat, ist für Münchner keine Überraschung, hilft aber das Bild der saturierten Metropole zu korrigieren. Darum ist es Oswald nämlich auch zu tun - ein anderes München-Bild zu zeigen. Das Bild einer Großstadt, die mit den gleichen Problemen wie andere Großstädte zu kämpfen hat, dies aber geräuschloser tut. Auch, weil es hier mehr Chancen zum Aufstieg gibt als anderswo. Das illustriert im Roman die Milieustudie der Familie Diller, die Oswald am besten gelungen ist. Das Gleichgewicht der bürgerlichen Schein-Tugenden ist fragil. Die Schulprobleme des Sohns führen in eine Parallelwelt, die auf andere Weise bedrohlich ist, als jene der Drogenhändler im Westend.

          Oswalds Figuren stolpern durch ein Labyrinth von moralischen Fallstricken und Wertefragen. Ein wenig auf der Strecke bleibt bei deren Erörterung die Spannung, auch weil die taktischen Winkelzüge Dillers nicht auf Beschleunigung des Erzähltempos getrimmt sind. Der Weg ins Unheil nimmt so seinen Gang, wirklich dramatisch wird es spät. Das ist dann das Münchnerische an diesem Roman.

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