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Georg Klein: Die Zukunft des Mars : Don sei Dank, es wird Licht!

  • -Aktualisiert am

Bild: Rowohlt Verlag

Mars macht mobil in diesem Jahrgang der deutschen Literatur: Nach Reinhard Jirgls Roman führt auch Georg Klein seine Protagonisten aus „Die Zukunft des Mars“ in die nicht so schöne neue Welt auf dem Roten Planeten.

          Science-Fiction ist in die Jahre gekommen. Die galaktischen Visionen von einst sind heute bloß noch Retrofuturismus. Georg Klein geht seine Mars-Mission deshalb anders an. Statt seine Figuren in die Zukunft von gestern zu schießen, macht er lieber ein archaisches Gestern zur Zukunft. Hier röhren keine Raketen, hier wandeln keine smarten Gestalten in Raumanzügen durch die weißlich ausgeleuchteten Gänge krakenhafter Raumstationen. Stattdessen sieht man sich in eine beinahe steinzeitliche postkatastrophale Welt zurückkatapultiert. Auf dem Mars leben mehr schlecht als recht die Nachfahren einer sowjetischen Weltraumexpedition, die einst heimlich hinter dem Rücken der Welt zu einer Reise ohne Wiederkehr aufbrach.

          Das Mars-Matriarchat wird angeführt von der „Barmherzigen Schwester“, es gibt einen „Panik-Rat“ und Berufsbilder wie „Nothelfer“, „Allesmacher“ oder „Mockmock-Beobachter“. Allgemein ist man nicht zimperlich in der Regelung des Miteinanders, Depressionen zum Beispiel werden nicht geduldet. Wen die „Schändliche Unlust“ - tolle Prägung! - in ihrer schweren Form befallen hat, der wird einfach in einem purpurnen Bodenspalt entsorgt. Der polierte Ton, in dem Klein von Ungeheuerlichkeiten spricht, bewährt sich ein ums andere Mal.

          Fremde Mutter Erde

          „Freund Mockmock“ ist allgegenwärtig - ein unterirdisches, kugelförmiges Gewächs, das Milch spendet und Grundlage aller Speisen ist, zugleich aber Beine ausfahren kann und dann als großes, wuselndes Krabben- oder Spinnentier in Erscheinung tritt. Aus Mockmockborsten werden Schreibwerkzeuge hergestellt, aus Mockmockmilch Salbe, altes, verhärtetes Mockmock lässt sich vielfach verarbeiten, etwa zu Tretrollern, den rasantesten Fahrzeugen der Mars-Kolonie. Kurz: Hier wird eine ganze Mockmockkultur ausfabuliert.

          Die „heiligen Bücher“, die nur wenige noch zu entziffern vermögen, sind die einzige verbliebene Quelle über das Leben auf der Erde. Als heimlicher Leser der irdischen Folianten entwickelt der Erzähler Porrporr erotische Phantasien (auf dem Mars geht es ziemlich puritanisch zu) und rätselt über die Ungereimtheiten des Menschenlebens: „Ich verstehe nicht, was Geld ist ... Allenfalls habe ich einen Verdacht. Geld ist offenbar in besonderer Weise beweglich, wie auf emsigen Füßchen unaufhörlich vorwärtsstrebend.“ Klein ist der Meister solcher Verfremdungseffekte.

          Auferstanden aus Ruinen

          Sehr fremd erscheint der Planet Erde, auf dem der zweite Teil des Romans spielt. Diverse Katastrophen haben Spuren der Verwüstung hinterlassen: die Pandemie des „Großen Zappelns“ und der „Ewige Winter“ nach dem Ausbruch des Yellowstone-Supervulkans, der die „hochmütige“ amerikanische Zivilisation zerstörte und die Welt rundum in Gewitterwolken hüllte.

          Verheerendes liegt hinter uns - das ist eine Erzählperspektive, die sich in den meisten Werken Kleins geltend macht, sei es in dem phantastischen Detektivroman „Barbar Rosa“, sei es in eher realistischer Spielart im „Roman unserer Kindheit“, wo eine Neubausiedlung mit der Versehrtenwelt der Kriegsveteranen kontrastiert wird. Nun also das Freigebiet Germania, ein chinesisches Protektorat, in dem der Warlord Don Dorokin eine vergleichsweise milde Herrschaft ausübt. Sein Hauptquartier hat er in einer alten Kirche eingerichtet, die Bevölkerung gewinnt er durch populäre Maßnahmen wie das „Lichtgeschenk“, will sagen: drei Stunden Stromversorgung am Tag. Don sei Dank genießt man eine gewisse postapokalyptische Urbanität, auch wenn das Don-Phon-Netz noch wacklig ist, auch wenn die Sprengstoffanschläge der „Kleinköpfe“ und der „dialogische Terrorismus“ zu schaffen machen und der Krieg mit den Truppen des Weißen Khans und des alten Ogo immer wieder aufflammt.

          Der Weltentüftler

          Als ominöser, vom Don misstrauisch überwachter Strippenzieher erweist sich Opa Spirthoffer. Der „hochnützliche alte Bastler“ macht in seinem „elektronischen Hospital“ malade Maschinen aus der „Guten Alten Zeit“ wieder flott - mit besonderer Vorliebe für Kinderspielzeug. Zum Schein nimmt der technoide Greis Russischunterricht bei der schönen Elussa, der weiblichen Hauptfigur, die mit ihrer Tochter Alide aus Sibirien nach Germania eingewandert ist. In Wahrheit hat Spirthoffer die Mutter und das Mädchen für eine ominöse Marsmission ausersehen.

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