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Georg Klein: Die Zukunft des Mars : Don sei Dank, es wird Licht!

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Klein ist ein Ethnologe erfundener Welten. Da sich, anders als im Allerweltsrealismus, in seinen Romanlandschaften nichts von selbst versteht, produziert sein Erzählen steten Erklärungsbedarf und zeugt sich so ganz von selbst fort. Nach fast zweihundert Seiten ist im Sinn einer herkömmlichen Romanhandlung noch nicht viel passiert - dafür hat sich Klein als Schöpfer zweier Welten bewährt, mit der Hingabe eines Vaters, der für sein Kind die Modelleisenbahn installiert. Da kommt es auf die Details an, man legt die Backe an den Boden, um die Klein-Welt so zu sehen, als wäre es eine große. Weltenschöpfung ist, weiß Gott, eine selbstgenügsame Sache.

Ein Puzzle mit zu vielen Teilen

Wenn dann jedoch in der zweiten Hälfte der marsianische und der irdische Erzählstrang zusammengeführt werden, leidet der Plot wie fast immer in Kleins Romanen unter Ausgeklügeltheit und Blässe. Auch der „Roman unserer Kindheit“, 2010 aufgezeichnet mit dem Leipziger Buchpreis, mündete in ein überkonstruiertes Finale; der Marsroman nun hängt im dritten von vier Teilen durch. Angesichts der schwer nachvollziehbaren Geschehnisse „tippelt das Verstehen hilflos auf der Stelle“, um einen Satz des Romans zu zitieren. Die Marsreise wird als eine Art Teleportation eher beiläufig dahinbehauptet - Spirthoffers geheimnisvoller Wasserturm hat das Energiefeld des „Kamtschatka-Schiefers“, nun ja. Und Klein weiß auch nicht recht, was er mit seinen beiden Heldinnen auf dem Mars anfangen soll. Kaum kehren nach der transferbedingten Verkühlung die Lebensgeister in ihre rematerialisierten Körper zurück, treten Elussa und Alide auch schon wieder die Passage zu Mutter Erde an.

Sosehr Klein das Spiel mit populären Genres liebt, seine Romane sind wenig geeignet für eilige Spannungsleser. Die Handlung verschachtelt sich kompliziert und zerfällt in zeitlupenhaft genau beschriebene Momentaufnahmen. „Wir hingegen haben Mühe mit der Reihung der Ereignisse und können von einem lückenlosen Nacheinander nicht einmal träumen“, heißt es einmal. Wohl wahr, und deshalb ist von Klein-Lesern kombinierende Phantasie gefordert, die die immer nur „bruchstückhafte Auskunft“ in Beziehung zu setzen weiß.

Der Mars hat uns wieder

Der geniale Tüftler Spirthoffer, die kecke Alide, der sehnsüchtige Porrporr, der fürsorgliche Diktator Don Dorokin - Klein hat eine Reihe eindrücklicher Gestalten geschaffen. Dazu gibt es reichlich Anspielungen, sowohl auf cineastische Großwerke (unter anderem die legendäre Knochenszene von Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“) wie auf literarische Spezialitäten, allen voran Alexej Tolstois „Aelita“, den Roman einer Marsexpedition aus der frühen Sowjetzeit, der durch die Verfilmung von 1924 Kinogeschichte schrieb. Auch dort geht es um eine Mars-Kolonie, in der das Küssen unbekannt ist. Bei Klein findet Porrporrs Sehnsucht nach Körperwärme schließlich Erfüllung, und zuletzt finden wir ihn auf einer Matratze in Elussas Wohnküche. An Motiven, die man aus anderen Werken des Autors kennt (Türme, Doppelgänger), mangelt es nicht. Und wenn gleich zu Beginn ein Glatzkopf mit großen, wohlgeformten Ohren aus allen Mars-Wolken fällt - handelt es sich da etwa um ein Selbstporträt des Autors als toter Kosmonaut?

Mars macht mobil in diesem Jahrgang der deutschen Literatur. Während Reinhard Jirgl in „Nichts von euch auf Erden“ seine Ästhetik der Verschärfung verfolgt und das Mars-Szenario dazu nutzt, Exzesse der Verrohung und Ausbeutung zu vergegenwärtigen, die das Grauen bekannter irdischer Schinderstätten und GuLags überbieten sollen, kreuzt „Die Zukunft des Mars“ die ins Große zielende Phantastik mit gewitzter biedermeierlicher Kleinmalerei. Detailfrohe Leser finden daran Gefallen - und freuen sich im Übrigen über die liebevolle Gestaltung des Buches, das mit seinem orangeroten Schnitt selbst aussieht wie ein Stück leuchtender Warmstein.

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