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Georg Klein: Die Logik der Süße : Auf unheimlichen Pfaden, nächtens

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Bild: Verlag

Verspielt, raffiniert: Georg Kleins Erzählungen werden von Teufeln, Zwergen und Thomas Gottschalk bevölkert.

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          Kein leichter Fall, der des Schriftstellers Georg Klein. Er reizt. Die einen zu Lobeshymnen, die anderen zu Widerspruch. Das Verrätselte, das Kunstvolle seiner Sprache, der Ton, den jede seiner Figuren, vom Handwerker bis zum Professor, anstimmt (was andere Autoren als „Authentizität“ anstreben, interessiert Klein überhaupt nicht), der sorgsame Aufbau seiner Geschichten, in denen dem Leser wie an einem Tropf Informationen nur dosiert, nach und nach zukommen, das alles ist den einen große Literatur. Andere erkennen nur „Kunsthandwerk“, mit ihren Worten: Literaturliteratur, l’art pour l’art, Stilblütengestöber, Bedeutungshuberei, brillante Spannungslosigkeit. Man muss sich gewissermaßen entscheiden, für oder gegen Georg Klein. „Einer der seltenen wirklich originellen Erzähler der deutschen Gegenwartsliteratur“ – oder doch ein Fall von maßloser „Überschätzung“?

          Der neue Erzählband Georg Kleins, der, ein halbes Jahr nach seinem „Roman unserer Kindheit“, mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet, nun erschienen ist, bietet beiden Lagern neues Material. Im Bild gesprochen: Wer in eine Erzählung von Georg Klein gerät, geht nicht an einem heiteren Tag durch eine sonnendurchflutete Allee, sondern schleicht nachts auf einem unheimlichen Pfad, wachsam und leicht verstört, um sich blickend, ob nicht im Dunkel etwas Unbekanntes, Bedrohliches lauert. Oft genug ist hinterher, wenn die dunkle Gasse überwunden ist, unklar, ob da wirklich etwas und wenn ja, was es war – oder ob die von Angst und Schauderlust angeregte Phantasie nicht für kurze Zeit die Oberhand über die Beschränkung ins wissenschaftlich Anerkannte gewonnen hat. Das kann man mögen – oder eben nicht. Georg Klein ist also schon deshalb ein Glücksfall, weil er zum Nachdenken über die Frage anregt, was wir unter guter Literatur verstehen. Unterschiedliches, offenkundig.

          Auf einer Vampirjagd

          In ferne, fremde und oft zukünftige Welten führen die zweiundzwanzig Erzählungen in „Die Logik der Süße“, die in zwei Abschnitte, „Futur Eins“ und „Futur Zwei“ betitelt, unterteilt sind. Eine Naturkatastrophe lässt in „Die Pferde der Kinder“ eine kleine Gruppe von pensionierten Lehrern und eine Handvoll Kinder allein in einer zerstörten Welt zurück. Während sich die Vertreter der „Altwelt“ in läppische Haarspaltereien verbeißen, entwickeln die kostbaren Kinder, Zukunft und Alterssicherung der Greise, eigene Pläne, in denen für die Alten kein Platz ist. Ein Agent sucht in der Titelgeschichte in einer fernen Zeit, in der Sibirien eine der Metropolen der Welt aufweist, einen magisch bedeutenden Gegenstand, der, im Schutt der Geschichte verborgen, von einer ältlichen Ballerina bewacht wird. Auf eine Art Vampirjagd gehen in „Europa erleuchtet“ ein seltsames Gespann von Mann und Affe. Schließlich ziehen sie gegen die Verführungskunst des Gejagten den Kürzeren.

          Kleins Welten tragen märchenhafte, schauderhafte Züge, seine Neigung zur schwarzen Romantik kommt zum Zuge. Aus der Zukunft geht mancher Blick zurück auf unsere heutige Gegenwart, wird gelächelt über die „zu jener Zeit“ verbreitete Sitte, mit einem Mobiltelefon zu kommunizieren oder dem Internet einen zentralen Platz im Leben einzuräumen. Überhaupt Kulturkritik: Ein Teufel tritt auf und bedient sich der Stimme Thomas Gottschalks; eine Fernseherzählung lässt schon vom Titel her ihren Gehalt erahnen: „Die durch die Hölle gehen“; und ein Dichter, der sich selbst für einen Scharlatan hält, wird in Schanghai entführt – er selbst und die Leser bleiben im Unklaren darüber, ob es sich nicht nur um eine besonders absurde Form von Aktionskunst handelt.

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