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Georg Klein: Barbar Rosa : Ein Günstling der Dämonen

Bild: Verlag

Tausend Textumdrehungen in der Minute: Kraftvoll pflügt Georg Klein mit seinem Detektivroman "Barbar Rosa" durch das Berlin unserer Spätantike und erweist sich dabei endgültig als Meister der Metamorphose.

          Wer glaubt, daß man gute Bücher mit allen Sinnen und nicht nur mit den Augen in sich aufnimmt, sollte die Lektüre dieses Romans nicht beginnen, ohne eine Wäscheklammer für seine Nase bereitgelegt zu haben. Denn von diesen Seiten steigt eine Duftwolke auf, die nicht jedermann behagen dürfte. Es ist eine Mischung, die den Atem verschlägt: Brav und bieder riecht es nach Pfefferminze, Hagebutte und Kamille, kindlich süß und unschuldig betörend nach Vanillepudding, streng, aber noch nicht unangenehm verströmen Farben, Lacke und Klebstoffe ihre Aromen, unerträglich scharf und beißend schließlich steigen dem Leser die Düfte menschlicher Ausscheidungen in die Nase, die eklen Ausdünstungen von Fäulnis, Schimmel und Verwesung.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Es gibt Seiten in diesem Buch, in denen es wie unter den alten Brücken der Vorstädte riecht, und man liest sie mit demselben Gefühl, mit dem man als Kind durch schlecht beleuchtete Bahnhofsunterführungen schlich: überwach, die Ohren zwischen die Schultern gezogen und mit jenem Kribbeln der Kopfhaut, das die Bereitschaft der Haare signalisiert, sich vor Entsetzen steil aufzurichten. Um es mit einem Wort zu sagen: „Barbar Rosa“, der neue Roman von Georg Klein, ist nicht ganz geheuer.

          Giftig, gefährlich, tückisch und schnell

          Das hat viele Gründe, und der üble Duft ist nur einer davon. Ein anderer: Es spukt in diesem Buch, das sich zwar „Detektivgeschichte“ nennt, aber oft an eine Séance erinnert, zu der sich Besucher aus einer anderen Welt eingefunden haben, gebetene wie ungebetene Gäste. Nie weiß man, wer als nächster das Wasserglas über die Tischplatte wandern läßt, Thomas Pynchon oder E. T. A. Hoffmann, Joseph Goebbels oder Christoph Schlingensief.

          Georg Klein

          Das Leintuch, das sich der Autor über den Kopf geworfen hat, um seine Leser wohlig zu erschrecken, ist schwarz von zahllosen Buchstaben, denn auf ihm sind Kleins Lesefrüchte verzeichnet. Mit ihrer Hilfe wird ein virtuoses Spiel getrieben: spöttisch, ironisch, ehrfürchtig, witzig, kindisch und gelehrt. Daß ihm der Leser nicht verlorengeht, auch wenn er der literarischen Bildung des Autors längst nicht immer folgen kann, dafür hat Klein Sorge getragen. Der Schriftsteller, der sich selbst als „Spannungsleser“ bezeichnet, ist auch in seinem dritten Buch ein „Spannungsschreiber“ geblieben: Man brauchte schon einen sehr langen Atem, um alle Anspielungen dieses Buches zu entschlüsseln, aber man hält den Atem an, solange man es liest.

          Nach dem Agentenroman „Libidissi“ (1998) und dem Erzählungsband „Anrufung der blinden Fische“ der dem Debüt im Abstand eines Jahres folgte, hat Georg Klein, der 1953 in Augsburg geboren wurde und heute in Ostfriesland und Berlin lebt, jetzt sein bislang bestes Buch vorgelegt. „Barbar Rosa“ ist ein Roman, der einer Schlange gleicht: giftig, gefährlich, tückisch, schnell. Und zugleich sind dieses Buch und seine Sprache von großer Schönheit, hoher Anmut, Beweglichkeit und Eleganz. Unter den deutschen Autoren der Gegenwart ist Georg Klein zur Zeit die schillerndste Figur, und mit seinem dritten Buch erweist er sich endgültig als Meister der Metamorphose: Die Lektüre seines Romans „Barbar Rosa“ wird zwar nicht alle Anhänger des Detektivromans in Philologen verwandeln, aber sie dürfte so manchen Philologen für den Detektivroman gewinnen.

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