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Georg Heym: Umbra vitae : Dämonen ineinander verschlungen

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Bild: Verlag

Ein Juwel expressionistischer Buchkunst ist jetzt als Nachdruck erschienen: Georg Heyms bedrückende Schattengedichte, illustriert von Ernst Ludwig Kirchner.

          Nacht, Somnambule, Irre, Krieg, Hora mortis, Morgue – bereits einige Titelstichworte von Georg Heyms Nachlassgedichten lassen ahnen, worum es in der Sammlung „Umbra vitae“ geht: um „Schatten des Lebens“, erhascht in wüsten „Nebelstädten“ und im „Mauergestrüpp“ trister Hinterhöfe, auf Trümmerfeldern und Grabstätten, an dunklen Teichen und im „Garten der Irren“. Heym, der 1912 mit 24 Jahren beim Eislaufen in Berlin verunglückte, war ein Meister poetischer Intensität, besonders auf dem Gebiet des Untergangs. Im Titelgedicht „Umbra vitae“ heißt es etwa: „Selbstmörder gehen nachts in großen Horden, / Die suchen vor sich ihr verlornes Wesen, / Gebückt in Süd und West und Ost und Norden, / Den Staub zerfegend mit den Armen-Besen.“

          Auf einen Blick verdichtet finden sich Heyms abgründige Themen in den Illustrationen zur gediegenen Edition von „Umbra vitae“ im Kurt Wolff Verlag München (1924), die textlich auf der Erstausgabe bei Rowohlt (1912) basiert. Dieses Juwel expressionistischer Buchkunst ist jetzt als Nachdruck erschienen: Der bemalte grüne Leinenband mit farbigem Kopfschnitt, graphisch gestaltetem Vorsatzpapier, Lesebändchen, Frontispiz und Titelvignette kommt dem Original täuschend nahe. Die kantigen Holzschnitte stammen von Ernst Ludwig Kirchner, Leitfigur der Künstlergruppe „Die Brücke“, der damit zugleich sein erstes Malerbuch schaffte. Auf den meisten Bildern herrscht ein vexierendes Formengewirr: Bedrohliche, auch dämonische Gestalten mit tiefen Augenhöhlen und ausgreifenden Armen sind oft eng ineinander verschlungen und von Feuer, Blitz und Wasser umwirbelt. Da Holzschnitte keine Zwischentöne erlauben, dominiert flächig schwarze Farbe die dargestellten Nachtszenen, Schattenwelten und Metropolengebirge mit unentrinnbarer Wucht.

          Espressives Rot

          Nur das Titelbild greift die expressive Farbe Rot auf, die in den meisten Gedichten vorkommt – Morgenrot, Abendrot, Feuerrot, Blutrot, rote Donner, Wolken, Lippen, Hunde, Fackeln, Türme, Teiche, Wiesen. Wie auf einer Spielkarte fügt das Frontispiz die Antagonisten Leben und Tod ineinander, oben mit abwehrend oder flehend erhobenen Händen, unten die Krallenfänge weit ausgestreckt. Hinterlegt ist ein schattenhafter, roter Dämon mit zurückgeworfenen Armen und aus dem Mund hervorquellender Spaltzunge. Die Illustrationen zu den Gedichten stehen immer zwischen Titel und Text. Wie in der barocken Emblematik versinnbildlichen sie so ein Motto, das in der gereimten Subskriptio weiter ausgedeutet wird.

          Ein einziges Gedicht erscheint gegenüber der Erstausgabe nicht in der auffällig fetten, serifenlosen Antiqua: Kirchner schneidet die vier Strophen von „Alle Landschaften haben“ direkt ins Holz und umgibt sie mit einer bildlichen Rahmung. Damit hebt er das einzige Naturgedicht von den sonst dominierenden apokalyptischen Untergangsvisionen ab. Zwei weitere Abweichungen von diesem thematischen Schwerpunkt bietet der Band: Die beiden Liebesgedichte „Mit den fahrenden Schiffen“ und „Deine Wimpern, die langen“ sind voll sanfter Leichtigkeit und trauriger Erinnerung. Das erste endet: „Manchmal ist Deine Stimme, / Die im Winde verstreicht, / Deine Hand, die im Traume / Rühret die Schläfe mir leicht; / Alles war schon vorzeiten. / Und kehret wieder sich um. / Gehet in Trauer gehüllet, / Streuet Asche herum.“

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