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Georg Diez: Der Tod meiner Mutter : Schreiben, um sich nicht zu verlieren

Bild: Verlag

Der Journalist Georg Diez hat ein Buch über den Tod seiner Mutter geschrieben. Es erzählt vom Sterben, das wir besser begreifen, wenn wir darüber reden. Trotz zuweilen pathetischer Lakonik sind die banalen Gedanken dem Gegenstand angemessen.

          3 Min.

          Fragmente einer Sprache des Sterbens. Notizen, undatiert, ein paar Gedanken in klarer Schrift: „Aufschreiben als Beweismittel“ hat Hannelore Diez auf ein Blatt Papier geschrieben. „Eines der wenigen Dinge“, erinnert sich ihr Sohn Georg Diez, „die ich mitgenommen habe nach ihrem Tod.“ Er hat dieses Blatt Papier in seinem Buch über den Krebstod der Mutter protokolliert, eine Liste von zwölf Punkten, kürzelhaft und schwer zu verstehen, selbst für ihn, den einzigen Sohn. „Warum schon wieder zahlen,“ lautet zum Beispiel der dritte Punkt, den Hannelore Diez festgehalten hat, und fünftens: „S: ins Bett zurück geholfen“, und elftens: „Beweismittel im Wohnzimmer aufschreiben – ein Fuß schläft ein – einer nicht – wie heute“.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Aufschreiben als Beweismittel. Im Verlag, in dem jetzt „Der Tod meiner Mutter“ von Georg Diez erschienen ist, wird im Frühjahr auch ein Buch von Julian Barnes folgen, das auf hundert verschiedene Arten und in fast genauso vielen Stimmen davon erzählt, wie es ist, zu sterben und darüber zu reden. Wie es ist, ein Leben im Bann des Endes zu führen. Und dagegen anzuschreiben, ohne je das letzte Wort behalten zu können. Der englische Schriftsteller Barnes, der im vorigen Herbst seine Frau Pat Kavanagh verloren hat, als „Nichts, das man fürchten müsste“ schon erschienen war, schrieb vom Sterben seiner Eltern her über den Tod im Leben von Leuten, deren Beruf es ist, die Dinge in Worte zu fassen und die letzten Dinge besonders; Flaubert, Daudet, Zola. Wenn man aus dem bürgerlichen Roman des neunzehnten Jahrhunderts, den Barnes so liebt, den Tod nähme, blieben wohl nur ein paar Seiten übrig. Barnes selbst gesteht, er habe sich am Anfang der Karriere vorgenommen, so zu schreiben, als ob seine Eltern tot wären. Wie um sich zu befreien von einer Last oder von Scham.

          Kraftakt des Neubeginns

          Es soll hier aber nicht um Julian Barnes gehen, sondern um Georg Diez, vierzig Jahre alt und Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“. Und um seine autobiographische Erzählung, die vom Tod seiner Mutter berichtet, die am 3. Dezember 2006 starb, mit einundsiebzig Jahren. Seine Mutter, davon handelt der eine Teil des kurzes Buchs, stammte aus einer schwierigen Bremer Familie. Sie selbst heiratete, bekam mit ihrem Mann, einem Pfarrer, den Sohn, ließ sich Mitte der siebziger Jahre scheiden, begann ein zweites Studium, eine neue Karriere als Familienmediatorin. Und angesichts dieser Kraftanstrengung, sich ihr Leben nochmals zu erobern, angesichts der Vitalität dieser einzelgängerischen Frau, wie Diez sie beschreibt, einer Mutter, die am Tag des Abiturs ihres Sohns aus der gemeinsamen Wohnung auszieht, wirkt der schleichende Verlust der Vitalität durch den Krebs umso beklemmender.

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