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: Genosse Yuppie

  • Aktualisiert am

Die Volkspolizei, dein Dichter und Denker? Wenige Vorstellungen dürften bei uns größeres Unbehagen hervorrufen als die eines Ordnungshüters ostblocksozialistischer Prägung, der unter seiner Amtsschale das Herz eines verhinderten Schriftstellers hütet. Beklemmende Erinnerungen steigen auf an jene Herren ...

          Die Volkspolizei, dein Dichter und Denker? Wenige Vorstellungen dürften bei uns größeres Unbehagen hervorrufen als die eines Ordnungshüters ostblocksozialistischer Prägung, der unter seiner Amtsschale das Herz eines verhinderten Schriftstellers hütet. Beklemmende Erinnerungen steigen auf an jene Herren ungesund bleicher Gesichtsfarbe, die den berüchtigten Satz mit "Gänsefleisch" beim Zonengrenzübertritt partout nicht auf hochdeutsch zu artikulieren wissen und noch nicht einmal in der Lage sind, während der Schikanekontrollen auf der Transitstrecke einen Namen korrekt aus dem Reisepaß abzuschreiben. Der literarisch ambitionierte Vopo - ein widersinniges, ja unappetitliches Schreckgespenst.

          Den völlig ungeahnten Charme einer Art melancholischen Philip Marlowes des Marxismus-Leninismus gewinnt diese Figur allerdings, wenn man sie zum Kriminalermittler macht und vor die morbide Fassade des letzten Ostblocklandes der Erde setzt: auf eine Insel im geographischen wie metaphorischen Sinne, wo der Geheimdienst bis heute den Namen "Staatssicherheit" trägt. In Gestalt des Leutnants Mario Conde aus Havanna hat der Journalist und Erzähler Leonardo Padura Fuentes den Eintritt der kubanischen Revolutionspolizei nicht nur in die Ära des karibischen Postsozialismus, sondern auch des Postmodernismus besiegelt. Denn "El Conde" - zu deutsch "Der Graf" - ist ein Aristokrat unter den proletarischen Spürnasen der kubanischen Kripo und als passionierter und gebildeter Ermittler nicht nur ein Seelenverwandter von Maigret und Sherlock Holmes: Er hat auch all deren Fälle bereits gelesen.

          Für ihn ist die Existenz als Hüter der sozialistischen Ordnung im Grunde nichts weiter als das Abfallprodukt einer gescheiterten Karriere als Schriftsteller und einer Unzahl menschlicher und gesellschaftlicher Desillusionen. Als chronisch versoffener Kommissar der zerbrochenen Träume bietet er die jämmerliche, aber dafür zutiefst menschliche Kehrseite des "positiven Helden" oder des "Neuen Menschen" eines sozialistischen Realismus, der den Weg in eine bessere Gesellschaft leuchten sollte.

          Dabei ist es immer wieder die Erinnerung, die den "Grafen" in den über die vier Jahreszeiten von 1989 verteilten Romanen des "Havanna-Quartetts" verfolgt. Stets aufs neue blitzen die Erniedrigungen einer Schulzeit auf, in der jede Kreativität und Charakterfestigkeit unter repressiver Indoktrinierung erstickt wurden, während wendige Karrieristen ihren Marsch an die Spitze der Staats- und Wirtschaftsadministration antraten. Doch durch seinen neuen Fall sieht El Conde mit einem Male die Rollen getauscht. Selbst ein Beispiel eines verhunzten Lebens, ist er angesichts des Verschwindens eines hohen Funktionärs der kubanischen Wirtschaft mit der Aufgabe betraut, "ein perfektes Leben" rücksichtslos auf Privilegien und Glückseligkeiten, aber auch heimlichen Flecken zu durchleuchten. Um niemand anderen als seinen vormaligen Schulkameraden Rafael Morín sollen sich Condes Ermittlungen drehen, jenen geschickte Opportunisten, dem es schon zu Schulzeiten gelang, sich aus jeglichem ideologischen Engpaß als glänzendes Vorbild herauszuwinden; dem schließlich das Glück zuteil wurde, all das zu ernten, wovon Mario Conde nur im Traume zu hoffen wagte: Ansehen, gesellschaftlichen Aufstieg und nicht zuletzt die Liebe Tamaras, der von Conde jahrelang heimlich Angebeteten.

          Doch unter bravem realsozialistischem Deckmantel verstrickte sich der Vorzeigegenosse in dunkle Devisengeschäfte und Finanzveruntreuungen. Sich zum "ersten Yuppie Kubas" zu mausern war sein Vorhaben. Ein Plan, der in spektakulärer Weise scheitert und dadurch die Abgründe unter der pathetisch-moralinsauren Oberfläche des revolutionären Kuba eröffnet, deren Führer die Uneigennützigkeit predigen. Hinter den Kulissen von Rafael Moríns Scheinexistenz modern die Fäulnis und Doppelmoral eines Systems, dessen Zersetzung bereits 1989 latent angelegt ist, in dem Jahr, das den Zusammenbruch des weltweiten Sozialismus einläutete.

          Obgleich Padura in gekonnt ironischer Weise seine Geschichte innerhalb der Klischees des Detektivgenres entwickelt, sind die Abenteuer seines Teniente Mario Conde mehr als ein L'art pour l'art der Kriminalistik. "Conde ist eine Metapher", sagt der Autor selbst über seinen Helden, "denn ein Polizist kommt überallhin. In den Luxus der Nomenklatura und in die schäbigen Häuser der normalen Leute."

          Diese Mischung aus Spannung, Erotik, Gesellschaftskritik und einer Spur Exotismus kennt freilich auch noch einen weiteren Zielort: die Verkaufsregale westlicher Buchmärkte. Doch es ist vielleicht gerade das unverhohlene Schielen auf den wirtschaftlichen Erfolg, welches Paduras Romanen ihren eigenartigen Reiz verleiht. Durch sein Lavieren zwischen Kommunismus, Kommerz und Korruption sichert Padura seinem Teniente Mario Conde einen Platz unter den Antihelden des vergangenen Jahrhunderts.

          FLORIAN BORCHMEYER

          Leonardo Padura: "Ein perfektes Leben". Roman. Erster Band des "Havanna-Quartetts". Aus dem kubanischen Spanisch übersetzt von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich 2003. 286 S., geb., 18,90 [Euro].

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