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Roman: „Gehen, ging, gegangen“ : Wir wurden, werden, sind sichtbar

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„Eine Duldung ist kein Aufenthaltsstatus, sondern nur eine Aussetzung der Abschiebung“: Flüchtlinge campieren auf dem Oranienplatz in Berlin. Bild: Matthias Lüdecke

Jenny Erpenbeck hat einen brandaktuellen Tatsachenroman zur Lage der afrikanischen Flüchtlinge in Berlin geschrieben. Dabei ist „Gehen, ging, gegangen“ kein Aufruf zur Weltverbesserung, sondern reflektierte Unterhaltung.

          Der Berliner Senat bezahlt den Deutschunterricht auch für die Flüchtlinge, die nur geduldet sind und bald abgeschoben werden sollen, ja sogar für die, die nicht einmal geduldet sind, also rechtlich eigentlich gar nicht vorhanden. Da lernen sie dann das unregelmäßige Verb „gehen“, Grimms Wörterbuch zufolge „ein nach Form und Gehalt überaus reich entwickeltes Wort, dessen erschöpfende Behandlung ein Werk für sich wäre“. Die Konjugation enthält das ganze raumzeitliche Vorstellungsvermögen, und so erkennen auch die afrikanischen Flüchtlinge im Verb der Bewegung bald ihr eigenes Schicksal wieder. Durch die Wüste sind sie gegangen, einen langen Weg über viele Grenzen von einem vorläufigen Ort zum anderen, und nun werden sie bald wieder gehen.

          Richard, kürzlich pensionierter Professor für alte Sprachen, hadert mit der Zeit. „Vergehen soll sie, aber auch nicht vergehen.“ Seine Frau ist gestorben, seine Geliebte hat ihn verlassen. Kinder hat er nicht, so lebt er allein in seinem Haus vor den Toren Berlins, das ihm mit viel Glück aus DDR-Zeiten verblieben ist. Denen trauert er nicht nach, er hatte sich zwar arrangiert, galt aber ausweislich seiner Stasi-Akte als politisch unzuverlässig und untauglich für eine inoffizielle Mitarbeit. Für Politik hat er sich auch als Bürger der Bundesrepublik nicht sonderlich interessiert, er ist auch kein besonders moralischer Mensch, doch denkt er in der Tradition der Philosophen der Antike darüber nach, wie es denn mit „dem wirklich Richtigen“ bestellt sei.

          Der Professor weiß erstaunlich wenig

          Unterwegs zum Einkaufen in Berlin kommt er an einer Demonstration auf dem Oranienplatz vorbei, mit der afrikanische Flüchtlinge, die sich weigern, ihre Identität preiszugeben, bei ihrem Hungerstreik unterstützt werden sollen. „We become visible“ lautet das Motto. Die Bilder sieht er beim Abendbrot im Fernsehen und wundert sich, dass er nichts gesehen hat, als er am Schauplatz vorbeiging. Doch scheinen ihm solche Bilder beliebig, die Erzählung dahinter kann er nicht erkennen. Die Beendigung des Streiks bedauert er aber, denn die „Idee, sichtbar zu werden, indem man öffentlich nicht sagt, wer man ist, hatte ihm gefallen“. Es erinnerte ihn an Odysseus, der dem Zyklopen entrann, weil er sich als „Niemand“ ausgab.

          Jenny Erpenbeck kommt selbst aus Berlin.

          Langsam erwacht ein Interesse, so geht er zum Oranienplatz und schaut sich ein Protestcamp der Flüchtlinge an, das aufgrund einer windigen Vereinbarung mit dem Senat gerade abgebaut wird. Unversehens wird ein Projekt aus seinem undefinierten Interesse, doch wird ihm schnell klar, wie wenig er weiß. Nicht einmal die Hauptstädte der afrikanischen Staaten weiß er zu benennen. Er möchte erforschen, was die Flüchtlinge denken, zugleich aber, was ihn selbst beschäftigt, was Zeit bedeutet, die er nun im Überfluss hat. Daher verfällt er auf die Idee, dass man dazu am besten mit denen spricht, „die aus ihr hinausgefallen sind. Oder in sie hineingesperrt, wenn man so will.“ So stellt er sich einen Fragenkatalog zusammen, wie es empirische Forschung erfordert, und sucht die Afrikaner vom Oranienplatz in ihrer Notunterkunft auf.

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