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Roman: „Gehen, ging, gegangen“ : Wir wurden, werden, sind sichtbar

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Die Freiheit, gehen zu müssen

Wie Verständnis und Unverständnis ineinanderpassen, zeigt sich in einer beinahe komödiantischen Szene von Jenny Erpenbecks Roman, in der Richard den langen Ithemba zu seinem Anwalt begleitet, um die Abschiebung zu verhindern. Ithemba ist durch die Hölle gegangen, aber angesichts der vielen Akten ergreift ihn Furcht. „Papier kann man nicht essen“, sagt er. Der Anwalt mit klassischer Bildung, der einem Uhu ähnelt, aber scherzt, man esse Papier in Deutschland, womit er unter anderem meint, „dass die Ausländerbehörde die italienischen Papiere der afrikanischen Flüchtlinge einbehält, um sie zur Ausreise zu zwingen“. Das dürfen die gar nicht, ruft der Uhu aus. Illegal sind die Flüchtlinge hier, aber die Behörden und die europäischen Staaten handeln noch großzügiger wider Recht und Vereinbarung. Die die Überquerung des Mittelmeers überlebt haben, müssen nun „in Meeren aus Akten ertrinken“, denkt Richard.

Er lernt die wenig feinen Unterschiede in der Verwaltung von Flüchtlingen kennen. Seine Freunde vom Oranienplatz, erfährt Richard beim Anwalt, haben nicht einmal eine Duldung, „und selbst wenn sie eine hätten: So eine Duldung ist kein Aufenthaltsstatus.“ Sondern lediglich „eine Aussetzung der Abschiebung“. Die Anwesenheit der Afrikaner ist also dadurch definiert, dass sie gehen müssen. Der junge Tuareg, den Richard zuerst befragt, interpretiert das stolz als Freiheit: „wenn ich gehen muss, kann ich gehen“.

Verstehen durch Unterhaltung

„Wir haben nichts zu verschenken“, sagt das Gesetz und sagen die Leute, „die afrikanischen Probleme müssen in Afrika gelöst werden.“ Bei den Germanen war das anders, sagt der Anwalt und rezitiert Tacitus: „Es gilt bei den Germanen als Sünde, einem Menschen sein Haus zu verschließen, wer es auch sei; zwischen Gastgeber und Gast gibt es keinen Unterschied zwischen mein und sein.“ Das hatte der Altphilologe früher nur gelesen, nun deutet er es praktisch. Er quartiert einige der Männer bei sich ein und veranlasst seine Freunde, ein Gleiches zu tun. Aus seiner Perspektive ist das weniger ein Werk der Barmherzigkeit, vielmehr ein Versuch, an der Stelle, an der man ist, das Rechte zu tun, anstatt die Verbesserung der Welt nur zu fordern.

Jenny Erpenbecks gründlich recherchierter Tatsachenroman erscheint an der Schwelle einer dramatischen Ausweitung des Flüchtlingsproblems wie der politischen Auseinandersetzung damit. Das könnte Missverständnisse erzeugen. Es handelt sich nämlich nicht um einen flammenden Aufruf zur Weltverbesserung, sondern um eine Geschichte aus individuellen Geschichten, eine erzählerische Konstruktion symbolischer Zuständigkeit für das Erleben und Erleiden der Flüchtlinge, die in der Wirklichkeit der Flüchtlingsverwaltung nicht gegeben ist.

Obwohl diese Geschichten sehr bewegend sind, appelliert „Gehen, ging, gegangen“ nicht vordergründig an das Mitleid des Lesers. Vielmehr bringt dieser Roman sehr reflektiert und durchaus unterhaltsam die Literatur als Medium des Verstehens zur Geltung, indem sich das Fremde und das Eigene als zwei Seiten eines Zusammenhangs erweisen. Oder wie der Anwalt die alten Römer zu zitieren pflegt: „Wenn das Haus deines Nachbarn brennt, geht es auch dich an.“

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