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Roman: „Gehen, ging, gegangen“ : Wir wurden, werden, sind sichtbar

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Richards neue Freunde

Die Flüchtlinge antworten erstaunlich bereitwillig auf seine Fragen. Wenn jemand irgendwo ankommen wolle, dürfe er nichts verbergen, sagt Awad. Er wurde in Ghana geboren, seine Mutter ist bei der Geburt gestorben. Seine Großmutter hat ihn aufgezogen. Mit seinem Vater ist er dann nach Libyen gegangen. Beide hatten Arbeit in Tripolis. „Es war ein gutes Leben.“ Dann wurde der Vater erschossen, die Wohnung verwüstet. Während Awad noch hilflos auf der Straße stand, kam eine Militärstreife, die ihn und andere Schwarzafrikaner aufgriff und ihnen alles wegnahm. Wie um ihr Gedächtnis zu vernichten, wurden die Sim-Karten ihrer Telefone vor ihren Augen zerbrochen. Während noch die europäischen Bomben fielen, wurden sie auf ein Boot getrieben. Auf der Überfahrt nach Sizilien starben viele. Mit dem in einer Küche verdienten Geld buchte Awad einen Flug nach Berlin. Vom Flughafen aus leiteten ihn andere Flüchtlinge direkt auf den Oranienplatz. Als er die Zelte sieht, fängt er an zu weinen, er hat noch nie in einem Zelt übernachtet. Doch bekommt er einen Platz zum Schlafen und zu essen. Wenn man ein Fremder geworden ist, sagt er, hat man keine Wahl. Den Oranienplatz will er gleichwohl in Ehren halten als einen Ort, an dem man ihn aufgenommen hat.

Aus den Geschichten, die Richard hört und abends aufschreibt, ergeben sich weitere Fragen. Diese Männer wollen alle arbeiten, warum dürfen sie es nicht? Und warum werden sie nicht nach ihren Geschichten gefragt und entsprechend als Kriegsopfer behandelt? Nach der Lektüre der europäischen Verordnung „Dublin II“ versteht er, dass diese Geschichten hier gar nicht gefragt sind. Zuständig ist das europäische Land, das die Flüchtlinge zum ersten Mal betreten haben. In Awads Fall Italien. Alle Länder, die keine Mittelmeerküste haben, sind also für diese Geschichten nicht zuständig. Italien lässt die Flüchtlinge gern gehen, aber ankommen dürfen sie nirgends, denkt Richard. Er versucht, sich vorzustellen, wie sich das anhört, wenn man solche Gesetze auf Arabisch erklärt. Nicht nur Richard denkt, auch die Flüchtlinge. „Wir denken und denken, weil wir nicht wissen, was wird.“

Durch die Hölle zum Anwalt

Vieles in den Geschichten versteht Richard nicht auf Anhieb, aber immer erneutes Fragen hilft. Zunehmend aber sind es Richards neue Freunde, die Fragen stellen. Warum hat er sich denn entschieden, keine Kinder zu haben? Das können die Afrikaner nicht verstehen. Das trifft einen wunden Punkt, und beinahe kann Richard es im Rückblick auch nicht mehr verstehen. Dass man Menschen mit einer Mauer gehindert hat zu gehen, findet Rufu kurios. Ebenso, dass man einen Pass bekam, wenn man es dennoch geschafft hatte. „Es waren alles Brüder und Schwestern?“, fragt Rufu.

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Ein Freund von ihm hatte den Zaun von Melilla überwunden, wurde aber gleich wieder nach Marokko zurückgeschickt. Da weiß Richard nicht mehr weiter. In deutsch-deutschen Fragen scheitert also die Kommunikation. Besser funktioniert deutscher Gesang. In seinem Auto stimmt Richard die Weise an: „Hab’ mein Wagen voll geladen, voll mit Afrikanern!“ Da johlen und klatschen alle. Eigentlich ist ja in dem Lied von jungen Weibern die Rede, „aber was die Silbenzahl angeht, sind die Afrikaner perfekt“, findet der Altphilologe.

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