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: Gegen die Entzauberung der Welt

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Nach eigener Auskunft ist Martin Mosebach, Jahrgang 1951 und Büchnerpreisträger dieses Jahres, ein Reaktionär. Ihm sind die Päpste seit Paul VI., der es wagte, die lateinische Messe in die Volkssprachen zu überführen, zu progressiv und viel zu lasch. Aus ästhetisch-religiösen Gründen ist es für Mosebach ...

          Nach eigener Auskunft ist Martin Mosebach, Jahrgang 1951 und Büchnerpreisträger dieses Jahres, ein Reaktionär. Ihm sind die Päpste seit Paul VI., der es wagte, die lateinische Messe in die Volkssprachen zu überführen, zu progressiv und viel zu lasch. Aus ästhetisch-religiösen Gründen ist es für Mosebach indiskutabel, dass das Hochamt nicht mehr mit dem Rücken zur Gemeinde zelebriert wird, wie er in seinem Essay "Häresie der Formlosigkeit" (2002) darlegt. Ein großer Triumph muss es deshalb für Mosebach sein, dass Papst Benedikt XVI. vor kurzem den alten Ritus wieder zugelassen hat. Aber was eigentlich ist ein Reaktionär?

          In seinem Essayband "Schöne Literatur" (2006) erzählt Mosebach, wie sein Idol, der auch von Ernst Jünger und Botho Strauß hochverehrte kolumbianische Aphoristiker Nicolás Gómez Dávila, den "höchsten Ehrentitel" des "Reaktionärs" zu vergeben hat - diesen Titel reklamiert Mosebach für sich. Ein Reaktionär ist die "Gegenfigur" des Demokraten. Er ist kein Konservativer - denn ein Konservativer sei nichts anderes als ein von der Demokratie misshandelter Liberaler, zitiert Mosebach seinen Lieblingsaphoristiker. Allenfalls könnte er Royalist sein, wie Mosebach das in seinem Nachruf auf Peter Hacks angedeutet hat. Damit sich Mosebach-Leser aber nicht gleich politisch-korrekt erregen, hat der Dichter eine konziliante, fast liberale Definition des Reaktionärs eingefügt: "Die höchste Weisheit des Reaktionärs bestünde darin, selbst für den Demokraten noch einen Platz zu finden."

          Schmetterlingszartheit

          Die Demokraten unter Mosebachs Lesern können dankbar sein, dass für sie auch in einer Mosebach-Welt noch ein Plätzchen zu finden sein wird, und greifen ganz entspannt zur Lektüre des neuen Mosebach-Romans mit dem unverdächtigen, wenn auch leicht betulichen Titel "Der Mond und das Mädchen". Der Roman, eher eine längere Novelle, spielt in Frankfurt am Main, in der Jetztzeit. Hans und Ina, frisch verheiratet, wollen gleich nach dem Studium und der Hochzeit in die Stadt ziehen, wo Hans seine erste Stellung in einer Bank antritt, weshalb die Hochzeitsreise ausfällt. Hans sucht die Wohnung. Schwiegermutter und Tochter reisen währenddessen "in den Süden". Und während Hans ungezählte Frankfurter Wohnungen besichtigt, denkt er an die "Schmetterlingszartheit" und "Elfenleichtigkeit" seiner Frau, an die "Silbrigkeit in Stimme und Haar" und daran, seine Frau mit der neuen Wohnung zu überraschen: "eine köstliche Vorstellung".

          Martin Mosebachs Sprache ist meistens Retro und häufig Kitsch; sie will an Thomas Mann und Heimito von Doderer erinnern, die in ihrer Zeit aber authentische Avantgardisten der Betulichkeit waren. Heute, im Falle Mosebachs, muss man wohl von einer Art postmoderner Wortsammeltechnik reden - wo, außer in der Prosa Mosebachs, wird denn heute "angelegentlich" ein Bier getrunken und - gleich zweimal hintereinander - "angelegentlich" telefoniert.

          Hans entscheidet sich für eine recht schäbige Wohnung, die er mit seiner Frau einzuwohnen hofft. Als Ina ankommt, nimmt sie sich zusammen und redet sich ein, dass man aus der Wohnung etwas machen könne. In der drückenden Sommerhitze gesellt sich Hans gerne zu einem Grüppchen von Hausbewohnern und Nachbarn, die sich im Hof zum Picheln treffen. Man tratscht über die Hausbewohner und politisiert drauflos. Wenn der Held des Romans etwas trinkt, dann weiß der allseits gut informierte Erzähler: "Wenn Hans früher einmal solch eine Flasche Schnaps mit einem Freund oder soldatischen Kameraden geleert hatte, blieben die Folgen nicht aus. Man lallte und schwankte und kam auf ungewöhnliche Gedanken, um das Mindeste zu sagen." Gedient ist gedient. Die Folgen bleiben nicht aus.

          Ina findet im Schlafzimmer der Wohnung eine tote Taube, das Dingsymbol der Novelle. Ina wird von einem tiefen Ekel ergriffen, dessen atmosphärische Ausläufer den weiteren Text verdunkeln sollen. Aber die Taube ist nicht nur ein Fremdkörper in der Wohnung, sie bleibt ein Fremdkörper im Text - ihr Tod hat keine Folgen; sie verwest und stinkt vor sich hin.

          Aprikosenhaftes Glühen

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