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: Gegen die Einsamkeit beim Erwachen

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Die Tierfabel, eine der ältesten literarischen Formen der Welt, ist in der modernen Kinderliteratur so vital wie eh und je. Sie hat sich vielfach verzweigt in die niedliche, die komische und die psychologisch-philosophische Variante. Der letzteren gehört Margaret Wilds Geschichte "Fuchs" an, die ...

          Die Tierfabel, eine der ältesten literarischen Formen der Welt, ist in der modernen Kinderliteratur so vital wie eh und je. Sie hat sich vielfach verzweigt in die niedliche, die komische und die psychologisch-philosophische Variante. Der letzteren gehört Margaret Wilds Geschichte "Fuchs" an, die Zoran Drvenkar lakonisch und leidenschaftlich zugleich übersetzt und aus der Ron Brooks ein großes schönes Bilderbuch gemacht hat. Für das Lettering zeichnet Dirk Rehm verantwortlich. Diese Nennung, in Bilderbüchern eher selten, ist hier besonders wichtig, denn der Grafiker hat eine unregelmäßige, expressiv-dynamische Handschrift entwickelt, die den Kritzeln an Höhlenwänden und der Rindenschrift der Bäume korrespondiert, die sich den Bildtafeln einschmiegt und dennoch sehr gut leserlich bleibt.

          Das Buch erzählt von wechselseitiger Hilfe und Freundschaft, von Einsamkeit, Neid, Eifersucht und betrügerischen Verlockungen - eine Geschichte aus dem Leben also. Dazu braucht es drei Protagonisten: den hilfsbereiten, treuen und gutgläubigen Hund, der nicht zufällig auf einem Auge blind ist - die dunklen Seiten der anderen will er nicht wahrnehmen; Elster, die sich bei einem Waldbrand den Flügel verbrennt und der Hund das Leben rettet, und als dritten Fuchs mit dem gehetzten Blick - der "züngelt zwischen den Bäumen hindurch wie eine Flamme". Der Einsame neidet den Freunden das Glück ihres gemeinsamen Lebens und versucht es zu zerstören.

          Ron Brooks' Bildtafeln inszenieren die Geschichte in einer Landschaft erdiger Braun- und Ocker-, Rot- und Schwarzklänge. Er schichtet die Farben übereinander und schabt, wischt und kratzt sie dann wieder weg, so daß delikate Nuancen entstehen, die den Strukturen und Farbtönen von Baumrinden, Felswänden, Wald- und Wüstenboden ähneln. Suggerieren seine Bilder hier die Trockenheit des verbrannten Waldes, der ausgedörrten Steine, der Steppe, so trägt er an anderer Stelle die Farbe fett auf, kritzelt mit dem Pinselstiel hinein und schafft eine reliefartige, an wuchernde Vegetation erinnernde Oberfläche mit lebendigem Spiel von Schatten und Lichtflecken.

          Nur zweimal, für die großen Augenblicke des Glücks, setzt er ein Blau ein, das, obgleich selbst vielfach gebrochen, verheißungsvoll schimmert und leuchtet: das erste Mal, als Hund mit Elster auf dem Rücken ihr im Wasser das gemeinsame Spiegelbild zeigt, "ein merkwürdiges neues Wesen"; das zweite Mal, als Elster, den verführerischen Einflüsterungen des Fuchses erlegen, auf seinem Rücken die verlorene Fluglust wiederfindet. Dies ist vielleicht die schönste Tafel des Buchs: Über die Doppelseite in ihrer vollen Breite dehnt sich der geschmeidige, schlanke Fuchs, eine rote Flamme, im fliegenden Sprung wie über die ganze Welt. Auf seinem Rücken steht die Elster kopf, treffendes Bild für ihr kurzes rauschhaftes Glück. Um so kläglicher dann der Absturz, als Fuchs sie allein in der Wüste läßt: "Jetzt werden du und Hund begreifen, was es heißt, wirklich allein zu sein." Von fern erinnern die drei Akteure an die Typen der alten Tierfabel: der treue, aber etwas tumbe Hund, die kluge, aber verführbare Elster, der gerissene, betrügerische Fuchs. Margaret Wild bleibt aber bei diesen fixierten Eigenschaften nicht stehen, sie individualisiert sie und schreibt ihren Geschöpfen ein differenziertes Innenleben zu, das Verzweiflung, Freude, Gefühlsambivalenzen, Loyalitätskonflikte, Empathie und Mut kennt. Am Ende gibt nicht die Angst vor dem Tod Elster die Kraft zum mühsamen Heimweg, sondern der Gedanke an Hund, der beim Erwachen allein sein wird. Damit findet die Geschichte ein verhalten hoffnungsvolles Ende - eine gute Voraussetzung, daß sie Kinder wie Erwachsene gleichermaßen anspricht. Die Konflikte der Zwei- und Dreisamkeit, die sie auf der Fabelbühne erzählt, spiegeln Erfahrungen, die allen vertraut sind.

          GUNDEL MATTENKLOTT

          Margaret Wild (Text), Ron Brooks (Bilder), Dirk Rehm (Lettering): "Fuchs". Aus dem Englischen übersetzt von Zoran Drvenkar. Carlsen Verlag, Hamburg 2003. 40 S., geb., 16,50 [Euro]. Ab 4 J.

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