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: Gefangen im Strandhotel

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Von akademischen Festschriften, Sammelbänden der Aufsätze zu Ehren eines Kollegen, sagt man wohl, daß sie oft zu Friedhöfen werden: gelegentlich noch zitiert, im übrigen begraben in der Stille von Bibliotheksmagazinen. Auch belletristischer Literatur kann es ähnlich ergehen: Kaum erschienen, rutschen die Bücher in die Bestandsverzeichnisse von Antiquariatskatalogen.

          Von akademischen Festschriften, Sammelbänden der Aufsätze zu Ehren eines Kollegen, sagt man wohl, daß sie oft zu Friedhöfen werden: gelegentlich noch zitiert, im übrigen begraben in der Stille von Bibliotheksmagazinen. Auch belletristischer Literatur kann es ähnlich ergehen: Kaum erschienen, rutschen die Bücher in die Bestandsverzeichnisse von Antiquariatskatalogen. Selbst wiederausgegrabene, lange verschollene Texte fallen oft rasch dem zweiten Vergessen anheim. Diese traurige Wiederkehr des Gleichen sollte man dem neu herausgegebenen Roman "Die Verschwörung der Zimmerleute" des Exilautors Hermann Borchardt nicht wünschen, auch wenn die Lektüre des zweibändigen, gut tausend Seiten umfassenden Werks wahrlich kein Honigschlecken ist.

          Der Weidle Verlag, der den erstmals in den Vereinigten Staaten in englischer Sprache veröffentlichten, ziemlich erfolglosen Roman nun in deutscher Fassung wieder vorlegt, hat sich um die Wiederentdeckung deutscher Exilliteratur außerordentlich verdient gemacht. Hermann Borchardt (eigentlich Hermann Hans Joelsohn), 1888 in Berlin geboren, studierte Philosophie, wurde Studienrat in Berlin und schrieb Stücke und satirische Gedichte, emigrierte 1933 über Frankreich in die Sowjetunion, die ihn aber 1936 auswies, weil er, enttäuscht vom stalinistischen System, nicht die sowjetische Staatsbürgerschaft annehmen wollte. In Deutschland als Emigrant und Jude verhaftet, wurde er über zwei andere Konzentrationslager ins KZ Dachau überführt und 1937 entlassen. Auf Vermittlung des befreundeten Künstlers George Grosz erhielt er ein Einreisevisum in die Vereinigten Staaten. Der Lebensodyssee Borchardts entsprach eine Glaubensodyssee: von einer eher statischen philosophischen Weltsicht über den dialektischen Materialismus zum Protestantismus und schließlich Katholizismus. Sein Roman erschien 1943 unter dem Titel "The Conspiracy of the Carpenters". Nach seinem Tod im Jahr 1951 schrieb ihm Hans Sahl einen rühmenden Nachruf, der indes nicht die Umstrittenheit des Autors im Exil verschweigt.

          Für den Roman hatte der zur katholischen Kirche konvertierte Franz Werfel ein werbendes Vorwort geschrieben: Borchardt knüpfe an einen alten heiligen Traum der Deutschen von einem in Christus begründeten irdischen Reich an. Die zeitgenössische Kritik verstand den Roman zunächst als Auseinandersetzung mit dem Faschismus. Gegen den heftigen Abscheu mancher linken Emigranten verteidigte Bertolt Brecht in seiner Notiz im "Arbeitsjournal" vom 30. September 1943 das Buch. Borchardts Werke behandelten "mit schärfe und leidenschaft die sozialen kämpfe unserer zeit". Das Plädoyer überrascht nicht, war doch Borchardt Mitarbeiter von Brechts um 1930 entstandenem Theaterstück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" gewesen. Aber die Notiz von 1943 schließt eben mit dem Satz: "b(orchardts) buch habe ich noch nicht gelesen." Nein, er kann es wirklich nicht gelesen haben.

          Werfel lobte den Roman als ein "bedeutungsreiches Gleichnis", und das "bedeutungsreich" kann gar nicht weit genug gefaßt werden. Parallelen des staatsfeindlichen "Führers" Dr. Urban, der mit seinen Truppen den Umsturz plant, gegen die Hauptstadt marschiert und im Wahnsinn endet, zu Hitler bleiben im vagen. Zwar gebärdet sich Urban als Nietzscheaner mit seinen Kampfrufen gegen Toleranz, Christentum, Humanität, Demokratie und Freiheit, zwar ist seine politische Ideologie die der Einschüchterung durch Gewalt und der totalen Unterwerfung unter den "Führer", doch agiert der Hasardeur in einer noch dem Ersten Weltkrieg vorhergehenden technisch-wirtschaftlichen Welt. Ja, es zeichnen sich - wie die Herausgeberin Uta Beiküfner im hilfreichen Nachwort plausibel macht - sogar Analogien zum Gewerkschaftssystem der Vereinigten Staaten ab.

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