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: Gefangen im Strandhotel

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Die Urbanisten streben den Ausgleich zwischen den Kapitaleignern und der Arbeiterschaft an, aber des technischen Fortschritts wegen. Die Staatsführung dagegen mobilisiert die staatsschützenden Kräfte mit Berufsgilden religiöser Prägung. Sie werden angeführt von den Bruderschaften der Zimmerleute, deren Herkunft sich von Christus selbst - Jesus sei Zimmermann gewesen - ableitet und deren vornehmste das "Landespolizeikorps" ist. Borchardt hat in einem Brief an Werfel das Staatsideal so erklärt: "Anstelle der parlamentarischen Demokratie tritt eine Gildenverfassung." Der "christliche Staat" beruht "nicht auf Freiheit und Demokratie, sondern auf Autorität (Der Bibel) und Gerechtigkeit, obwohl er kapitalistisch ist". Es hatte ja in der Geschichte der Zeit zwischen den Weltkriegen tatsächlich den Plan zur Errichtung eines christlichen Ständestaats gegeben: im (rasch gescheiterten) Modell des christlich-sozialen österreichischen Kanzlers Dollfuß. Aber dessen autoritäres Regime lehnte sich zu sehr an den Faschismus Mussolinis an, als daß es für Borchardt als ein Leitbild hätte in Frage kommen können.

Es bleibt schwer vorstellbar, daß eine an mittelalterlich-frühneuzeitlichen Verhältnissen orientierte Gildengemeinschaft mit ausgebautem Zensursystem die wirtschaftlichen und politischen Probleme einer Industriegesellschaft lösen könnte. Diese konservative Staatsutopie läßt sich nur erklären als Denkexperiment, als Gegen- oder Alternativentwurf eines von der parlamentarischen Weimarer Republik enttäuschten, vom Nationalsozialismus schwer verletzten und vom Kommunismus durch Erfahrung abtrünnig gewordenen Autors.

Wie man den ersten neuzeitlichen Entwurf vom "besten Zustand des Staates", Thomas Morus' "Utopia" (1516), nur unvollkommen versteht, wenn man das Ironieelement im Erzählen einfach wegstreicht, so sollte auch in Borchardts Roman der Leser auf Satire und Parodie immer gefaßt sein. Hier am deutlichsten erhalten sich Züge seiner schriftstellerischen Anfänge in den zwanziger Jahren. Zwei seiner Stücke hatte Borchardt Erwin Piscator angeboten. Und auf die rüde Aktualisierungspraxis in dessen "Politischem Theater" spielt unverkennbar die Parodie einer Bearbeitung von Schillers "Don Carlos" im Theater der revolutionären "Eisernen Phalanx" an. Oft schleicht sich Satire im Mantel des Ernstes ein. Noch der Schluß des Romans ("Ende gut, alles gut") kommt auf Taubenfüßen daher, um in eine Farce des "glücklichen Schlusses" einzumünden: Ein Mörderehepaar wird auf die Insel Guernsey verbannt, wo beide als Besitzer des Strandhotels "La Paloma" zufrieden ihre Strafe verbüßen. Das glückliche Finale von Brechts "Dreigroschenoper", sein "Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr" und die Begnadigung des Mörders Macheath, wird noch einmal parodistisch gebrochen.

Der Roman ging aus einem Festspiel hervor, das den Sieg über die Tyrannei feiern sollte. Werfel empfahl Borchardt die epische Umarbeitung. So wurde das Festspiel zum Schoß eines wahren Romankolosses. Ganze Lesedramen, vor allem philosophierende Grundsatzdiskussionen, enthält das Werk. Memoranden, Erinnerungen, Chroniken füllen das Werk auf. Manchmal gewinnen Figuren unser Interesse durch ihr Eigengeschick: die unglückliche, vom bösartigen Liebhaber hintergangene Käthe Schwann, die von den Urbanisten an einen Pfahl gebunden und wie eine Schießscheibe von Kugeln durchlöchert wird, die Liebesgeschichten des Senators Willert mit der Verkäuferin Margarethe Witt und seines Sohnes mit der schönen Elsbeth Kersting, dem "Modell des Praxiteles". Aber ansonsten schlagen die Wogen wechselnder Ereignisse und Namen dem Leser über dem Kopf zusammen. Und beigefügte Namen- oder Gruppenregister sind in diesem Labyrinth nur ein sehr dünner Ariadnefaden. Der von tausend Seiten etwas ermüdete Berichterstatter ist nicht optimistisch genug zu glauben, daß ihm Leser in hellen Scharen ins Lektüreabenteuer nacheilen werden. Dennoch will er noch einmal seinen Wunsch bekräftigen, das verlegerische Wagnis und Monument einer literarischen Wiedergutmachung möge nicht bloß ein Ehrenmal bleiben.

WALTER HINCK

Hermann Borchardt: "Die Verschwörung der Zimmerleute". Rechenschaftsbericht einer herrschenden Klasse. Herausgegeben von Uta Beiküfner. Weidle Verlag, Bonn 2005. 2 Bde., 510 und 568 S., geb., 79,- [Euro].

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