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Roman „Ich an meiner Seite“ : Renovierungsbedürftige Bleibe mit Herz

  • -Aktualisiert am

In der Therapie soll eine „Hauptfigur“ genannte Optimalversion der eigenen Person entstehen – ein inneres Leitbild, mit dessen Hilfe sich die Außenwelt besser bewältigen lasst. Bild: dpa

In „Ich an meiner Seite“ geht es um einen, der nach zwei Jahren in Haft mit therapeutischer Begleitung die ersten Schritte in Freiheit macht. Ein spannendes Sujet – nur der Fokus fehlt.

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          Wer aus dem Gefängnis entlassen wird, tut gut daran, die Haft als „Auslandsaufenthalt“ in seinen Lebenslauf einzubauen. Mit solchen Empfehlungen bekommt es Arthur Galleij zu tun, der junge Held im ersten Roman der Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher. Nach über zwei Jahren im Gefängnis bemüht Arthur sich, die ersten Schritte in Freiheit zu machen, ohne in sich zusammenzufallen (und ohne dass die Dächer abrutschen, hätte ein Franz Biberkopf gesagt). Mit einer mysteriösen Wunde am Kopf erscheint der Zweiundzwanzigjährige in seiner Haftentlassenen-WG. Das von einer wissenschaftlichen Studie begleitete Wohn-Projekt („Weitermachen e.V.“) wird für Arthur über längere Zeit zur Ersatzfamilie.

          Birgit Birnbacher, Jahrgang 1985, hat als Soziologin in Salzburg gearbeitet. Ihr Roman ist gewissermaßen aus professioneller Perspektive geschrieben. Er gewinnt seine Form, indem er die wechselvolle Lebensgeschichte Arthur Galleijs in den Rahmen des Resozialisierungsprojekts spannt. Wichtige Informationen vermitteln sich über die Aufzeichnungen, die Arthur auf Band spricht, und wir werden Zeugen des teils mühevollen, teils skurrilen therapeutischen Alltags. In den täglichen Feedback-Runden kommen auch vom Leben gedemütigte Gestalten wie der „Scheiße-Hans“ ausgiebig zu Wort. Er trägt diesen Spitznamen, weil seine Geschichten so schlimm sind, dass den Zuhörern danach wenig anderes zu sagen bleibt als: „Scheiße, Hans.“

          Schilldernder Krisen-Kumpel

          Allmählich soll in der Therapie eine „Hauptfigur“ genannte Optimalversion der eigenen Person entstehen – ein inneres Leitbild, mit dessen Hilfe sich die Außenwelt besser bewältigen lasse. Die gedankliche Substanz dieses Projekts scheint allerdings ebenso brüchig wie seine federführenden Akteure, allen voran der Therapeut Konstantin Vogl, genannt Börd, der selbst Hilfe gut gebrauchen könnte: Er leidet an Depressionen, Alkoholismus und aufbrausendem Gemüt. Immerhin ist er die schillerndste Gestalt des Romans, weniger väterlicher Retter als Krisen-Kumpel.

          Die mit den Bandaufzeichnungen und Therapiegesprächen verbundenen Rückblenden, so die geschulte Erwartung eines Lesers von Romanen, sollten die biographischen Hintergründe und Motive von Arthurs kriminellen Verirrungen liefern. So scheinen die Ausführungen über seine Vaterlosigkeit und seine Kindheit in einer unwirtlichen, von sozial abgehängten Menschen bewohnten Hochhaussiedlung auf das Muster des prekären Milieus hinauszulaufen, das jugendliche Kriminalität begünstigt. Dagegen wendet Arthur selbst in seinen Aufzeichnungen ein: „Jetzt werden Sie sagen: Klassiker, vaterloser Jugendlicher wird kleinkriminell. Und gleich irgendwelche Kausalitäten einziehen, wo die gar nicht hingehören.“

          Tatsächlich gelingt es Arthurs Mutter, die Familie „ein paar Gesellschaftsschichten nach oben zu manövrieren“. Sie verlässt die österreichische Kleinstadt und übernimmt in Andalusien mit ihrem zweiten Mann die Leitung einer Hospizeinrichtung für Wohlhabende. Arthurs weitere Jugend scheint nun eher von einer gewissen Wohlstandsverwahrlosung gekennzeichnet – aber womöglich wäre auch das nur eine falsch eingezogene Kausalität. Die nächste „Kausalität“ kommt in Form einer bisexuellen Dreiecksbeziehung mit Arthurs Freunden Princeton und Milla daher, die auf eine Badetragödie an der spanischen Küste hinausläuft: Während Princeton Arthur unter Wasser zu töten versucht, ertrinkt die unbeobachtete Milla – beides aus ziemlich unerfindlichen oder zumindest nicht hinreichend geklärten Gründen. Für eine traumatische Erfahrung reicht es allemal.

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