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Gedichte von Günter Kunert : Kassandras Selbstgespräch

Günter Kunert (1929 - 2019). Bild: dpa

Unmittelbar nach seinem Tod ist der letzte Gedichtband von Günter Kunert erschienen. Sein Titel: „Zu Gast im Labyrinth“.

          4 Min.

          Ende September ist Günter Kunert im Alter von neunzig Jahren gestorben. Zwei Tage nach seinem Tod erschien sein neues Buch. Es heißt „Zu Gast im Labyrinth“, verheißt im Untertitel „Neue Gedichte“ des in vielen Genres beheimateten Lyrikers und ist laut Auskunft seines Verlegers Jo Lendle der 43. Band, den Günter Kunert im Laufe eines guten halben Jahrhunderts im Hanser Verlag veröffentlicht hat, nachdem er 1950 mit dem Gedichtband „Wegschilder und Mauerinschriften“ in der DDR debütiert hatte. Was 1963 im Westen wenig optimistisch mit „Erinnerung an einen Planeten – Gedichte aus fünfzehn Jahren“ seinen Anfang nahm, ist nun an einen Schlusspunkt gelangt.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Schon das erste Gedicht des neuen Bandes zeigt, dass Günter Kunert seiner mehr schwarz als grau eingefärbten Lieblingsperspektive bis zuletzt treu geblieben ist: Dieser Dichter versteht sich exemplarisch als Augenzeuge großer wie kleiner Menschheitsdramen und als Stenograph unserer Katastrophen. Dabei sind seine Mitschriften durchaus epochenübergreifend gemeint: Was nicht selbst erlebt wurde, wird imaginiert. Von der Zukunft ist dabei wenig Gutes zu erwarten.

          In diesem Sinne ist im auch als Selbstporträt des Dichters zu lesenden Eröffnungsgedicht des neuen Bandes von den „blinden Augen Künftiger“ die Rede, vor denen der Chronist niederlegt, was ihm doppelte Last ist. Genannt werden Blut, Feuer und Ehrensold, Gehirnmasse, Reifrock, Fallbeil, Eisbergkollision und „Bomberanflug über Hannover-Braunschweig-Nagasaki bis Tschernobyl“. So wird in nur sechs Zeilen das zwanzigste Jahrhundert aufgerufen: von den Schützengräben des Ersten Weltkriegs über die „Titanic“ und das Fallbeil, mit dem die Nazis Tausende zu Tode brachten, darunter Hans und Sophie Scholl, bis zu den Bombardierungen von Hannover (1943), Braunschweig (1944) und Nagasaki (1945) und dem Reaktorunglück von Tschernobyl. Doppelt ist die Last, weil der Chronist das Erwähnte nicht nur zum Teil miterlebt hat, sondern weil er fürchten muss, dass man ihm all das zur Last legen wird, was er in seiner Chronik niederschreibt. Deshalb schwitzt er vor Angst über seinen Sätzen: „Alles Ungeheuerliche / wird man eines Tages / ihm zuordnen.“ Mit jeder Zeile, so heißt es weiter, verliere er seine Unschuld: „Zum Schluss liegt er da, / eine niedergeschlagene Gestalt, / geschändet von der Welt, / von jedem eigenen Wort.“

          Gefällt vom eigenen Wort

          Was steht dem Dichter zu Gebot, um sich zu schützen oder sogar zur Wehr zu setzen gegen die Greuel und die Zumutungen der Welt? „Nur Worte, hilflose Worte.“ So schrieb Günter Kunert vor vier Jahren. Damals hatte er die Schirmherrschaft für eine Ausstellung übernommen, in der das Militärhistorische Museum Leipzig mit literarischen Zeugnissen an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 erinnerte. „Man kann alles“, so Kunert 2015, „selbst das Ungeheuerlichste, beschreiben und benennen, ohne mehr als eine schwache Ahnung dessen zu vermitteln, wie das Beschriebene eigentlich gewesen ist.“ Zur Einsicht in die Begrenztheit der eigenen Mittel und ihrer Möglichkeiten kommt nun im neuen, dem letzten Gedichtband eine sich zur Gewissheit aufschwingende Befürchtung: Die hilflosen Worte werden sich dereinst gegen ihren Urheber wenden, sich verbünden mit den Übeln, die sie beschreiben und bannen sollen, bis der Chronist niedergestreckt ist, geschändet von der Welt und „von jedem eigenen Wort“.

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