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: Gedenkt frei zu leben!

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Man kennt Cyrano der Bergerac durch das um 1900 herum überall berühmte Drama von Edmond Rostand oder dann durch dessen Verfilmung (und somit über Gérard Depardieu). Der Mann ist aber keineswegs nur fiktiv, es gab ihn wirklich - als Autor der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Mit vollem Namen hieß ...

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          Man kennt Cyrano der Bergerac durch das um 1900 herum überall berühmte Drama von Edmond Rostand oder dann durch dessen Verfilmung (und somit über Gérard Depardieu). Der Mann ist aber keineswegs nur fiktiv, es gab ihn wirklich - als Autor der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Mit vollem Namen hieß er Hector-Savinien Cyrano de Bergerac: in Paris geboren, junger Amtsadel vom Vater her, gute Schulerziehung an einem angesehenen Collège, danach Soldat, als solcher schwer verwundet (offenbar ein Draufgänger), Studium dann wahrscheinlich (und vielleicht zusammen mit Molière) bei dem Philosophen Pierre Gassendi.

          Dieser war ein Vorläufer der Aufklärung oder ein Frühaufklärer: skeptisch, sensualistisch und epikuräisch gesinnt, eigentlich schon ein Mann des achtzehnte Jahrhunderts. Natürlich war er auch ein "libertin" oder, wie diese sich selbst mit schönem Ausdruck nannten, ein "esprit fort", einer also, der ohne Kirche auskam und gegen sie dachte und lebte. Freiheit somit als pure Bindungslosigkeit - der schöne und wie zumeist unverschämt kurze Tutti-Chor "Viva la libertà!" in Mozarts "Don Giovanni" meint ebendies und da gewiß negativ. Solch ein "starker Kopf" war, seinem Lehrer folgend (oder besser: Er folgte ihm, weil er es war), Cyrano auch. Er lebte nur kurz: sechsunddreißig Jahre; die beiden in dem Band abgebildeten Stiche zeigen ein lebhaftes, stark südfranzösisch wirkendes Gesicht mit in der Tat ausgeprägter Nase.

          Cyrano schrieb eine Tragödie und eine bemerkenswerte Komödie. Bekannter aber wurde er, wenn überhaupt, durch seine fiktiv-phantastischen Reiseromane, die in diesem Buch vereinigt sind: "Reise zum Mond" und "Reise zur Sonne" (dieser Roman blieb Fragment), der Text eines dritten Romans, "Der Funke", der diese Reisen fortsetzen sollte, ging verloren. In der älteren französischen Literaturgeschichtsschreibung wurde Cyrano kaum beachtet. Der tüchtige Gustave Lanson behandelt ihn in seiner sehr ausführlichen Geschichte nur ganz am Rand in dem Kapitel "Verspätete und Verirrte". Und in einer Fußnote sagt er: "Wenn man sehen will, wie sich, vom Heroischen bis zum Burlesken, alle Arten, die Natur zu verfälschen, in einem einzigen Kopf vereinigen können, braucht man nur das verrückte und phantastisch verdrehte Werk von Cyrano de Bergerac zu untersuchen." Nichts könnte falscher sein! Die Bewertung hat sich inzwischen geändert: Cyrano wurde - in Frankreich bekanntlich die offizielle Klassiker-Weihe - 1998 in die "Bibliothéque de la Pléiade" aufgenommen.

          Man muß Wolfgang Tschöke, dem Herausgeber und Übersetzer dieses Buchs, dankbar sein. Seine Übersetzung ist vorzüglich: genau, flüssig, ein wenig preziös und zurückhaltend altertümlich, aber eben hierin dem Original ganz angemessen - alles andere als eine platte Modernisierung. Ausreichend genaue Anmerkungen gibt Tschöke auch, und sein Nachwort, überschrieben mit Cyranos Sonnen-Motto "Gedenkt frei zu leben!", "Songez à librement vivre!", ist ebenfalls gut, wenn auch vielleicht zu distanzlos gegenüber seinem Helden und vor allem - seinen Gedanken. Solch naive Freiheitsgläubigkeit - es reicht, daß du dich ganz frei fühlst - hat schon seit einiger Zeit ihre Schwierigkeiten. Andererseits muß man Cyrano, wie er sich hier präsentiert, einfach mögen. Und ohne solche Identifizierung des Herausgebers und Übersetzers wäre dieses Kleinod von einem Buch in unserer Sprache schwerlich entstanden.

          Savinien Cyrano schreibt rasch, wie sprudelnd und ohne zu insistieren; er ist lustig, witzig, versonnen, kritisch, aggressiv, phantasievoll verspielt und gelehrt. Diese Romane mit ihren vielen Gesprächen, die weniger Dialoge als vielmehr kurze Vorlesungen sind, sind anmutig popularisierte Wissenschaft. Und viel Zeitkritisches bringen sie auch. Cyrano ist ganz in seiner Zeit und ist ihr doch voraus (manches deutet schon auf Voltaires "Philosophische Märchen" voraus - Voltaire hat den Mann gewiß gekannt). Cyrano hat sich aber auch von der prallen Lebensfülle und der formalen Unbekümmertheit des französischen 16. Jahrhunderts einiges bewahrt.

          Was das Technische des Aufstiegs zum Mond und zur Sonne angeht, gibt es nur einige anmutige Einzelheiten und Erklärungen. Entscheidend ist das sonst Gesagte: der Spott über die Meinung, Erde und Mensch seien im Zentrum (Cyrano ist, wie Gassendi, überzeugter Kopernikaner), die Mondbewohner sind ebenso rabiate Mond-Zentriker, wie die Erde-Menschen Geozentriker sind ... Dann der Spott gegen die behauptete Sonderstellung des Menschen, was im Sonnen-Roman besonders geist- und phantasievoll im Blick auf die Vögel herauskommt. Da wird auch eine Art Ursprache imaginiert, die Mensch und Tier gemeinsam war. Auch die Meinung, daß die Alten die Jugend zu beherrschen hätten und nicht umgekehrt die Jungen die Alten, kommt ihm seltsam vor, und auf dem Mond bestrafen die in der Fülle ihrer Kraft stehenden Jungen die Alten, wenn sie nicht folgsam sind. Im Sexuellen übrigens ist der Roman nicht besonders libertinistisch, auch nicht rabelaisinisch; aber es fehlt doch nicht ganz. Übrigens fehlen auch die oft karikatural herangezogenen biblischen Schriften nicht, und Gott fehlt auch nicht.

          Knapp zu referieren sind die beiden Romane, von denen der zweite leider abrupt endet, kaum. Man muß sie genau, also langsam lesen und auch Tschökes Anmerkungen, die bequemer unter den Seiten stünden als hinter ihnen, heranziehen. Dann wird die Lektüre, die uns durch Relativierung belehrt (sind wir jetzt eigentlich im wirklich Wichtigen entscheidend weiter?), auch zu einem erheblichen Vergnügen und, danach, zu einer starken Erinnerung. Das war schon jemand, dieser Savinien Cyrano!

          HANS-MARTIN GAUGER

          Savinien Cyrano de Bergerac: "Reise zum Mond und zur Sonne". Zwei Romane. Herausgegeben, übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Wolfgang Tschöke. Verlag Eichborn Berlin, Frankfurt am Main 2005. 280 S., geb., 19,90 [Euro].

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