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: Gedanken auf der Flucht

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Dieser kleine vergessene dänische Roman von 1904 fängt an, als befänden wir uns in einem französischen Zeichentrickfilm von 2003, "Les Triplettes de Belleville": "Einen staubgrauen Hügel hinauf kriecht ein Mensch mit zähen, langsamen Bewegungen ... es ist ein Radfahrer." Im Film ist es ein melancholischer ...

          Dieser kleine vergessene dänische Roman von 1904 fängt an, als befänden wir uns in einem französischen Zeichentrickfilm von 2003, "Les Triplettes de Belleville": "Einen staubgrauen Hügel hinauf kriecht ein Mensch mit zähen, langsamen Bewegungen ... es ist ein Radfahrer." Im Film ist es ein melancholischer dürrer Junge, der für die Ochsentour de France trainiert, in Knud Hjortøs Buch ein melancholischer Intellektueller, der dem Wahnsinn seiner Gedanken entfliehen will. "Wie der Wind saust er den Hügel hinunter, wie ein Kegel fegt er dahin, ein Hagel von Mücken prallt gegen sein Gesicht, die kleinen Hunde den Weg entlang kommen viel zu spät." Nach einer Seite Lektüre ist man schon mal außer Atem.

          Das Radfahren ist hier aber auch das Äußerste an Sport; "Staub und Sterne" (der Radfahrer befindet sich dazwischen, der Mensch an sich auch) ist ein Roman der Reflexionen und verwickelten Ideen. Handlung hat er fast gar nicht. Er erzählt zunächst von zwei Männern, einem älteren und einem jüngeren, die sich gegenseitig verabscheuen, aber nicht voneinander loskommen wollen. Der ältere heißt Kasbjerg, ist ein berühmter Kritiker und als solcher eine gefürchtete Institution. Dann will er auch Romane verfassen, aber das geht daneben. Hjortø beschreibt sie mit gnadenlosen, trockenen Worten: "Seine ersten Bücher waren peinlich geistreich, sinnig affektiert wie die Brautbriefe eines ältlichen jungen Mädchens." Und den Autor selbst charakterisiert er so: "Die Stirn war eine von den bekannten hohen, gewölbten, aber war keine Gehirnkuppel, sondern nur eine schmale Dachkammer." Obwohl, ganz dumm ist Kasbjerg auch nicht; er sieht schon, dass seine Figuren anämisch und leblos sind, "sie waren alle reserviert, litten an Überkultur; es war keine Sonnenverbranntheit in seinen Büchern".

          Der jüngere der beiden Männer heißt Ivar Holt, Student, ein ehrgeiziger, introvertierter Grübler mit Hang zur Depression. Ganz am Ende wird er erkennen, dass er nur aus "Übermut und Hoffnungslosigkeit" bestand, "das einzige, was wirklich war in meinem Dasein". Vital ist nur die Welt um ihn herum, wenn er seine Fahrradtouren macht, eine Welt, die in prallen Farben und zupackenden Verben beschrieben wird: "Draußen im Tümpel ziehen die Frösche ihre Weckuhren auf; ein schwarzer Dachsköter zeigt seinen weißgelben Rücken drinnen in den grünen Daunen des Gerstenfelds; die Leute schwatzen miteinander; ein Junge versucht, ein Stück von einer Brotkruste abzubeißen, er schraubt die Zähne zusammen, zerrt nach oben und zerrt nach unten." Es sind aufgeladene Szenen, die dem Gemüt ihres Betrachters entgegenstehen und es sozusagen auf die Probe stellen. Das Gemüt ist die andere Welt in diesem Roman, die innere, die Reise durch die Seele des jungen Mannes ist wiederum fast sachlich, trotz aller expressionistischen Gesten und parataktischen Sätze. Das macht das Buch zu einem merkwürdigen stilistischen Mischling.

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