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Gary Shteyngarts neuer Roman : Selbst der Schuft hat eine Seele

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Bild: dpa

In der Not hilft nur noch ein Trip mit dem Greyhound-Bus: Gary Shteyngart karikiert die New Yorker Elite im Sommer vor der Trump-Wahl als narzisstische Loser, die elegante Tragik mit Selbstmitleid verwechseln.

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          Barry Cohen besitzt ein Vermögen von sechzig bis hundertfünfunddreißig Millionen Dollar und ein ziemlich ärmliches Leben. Ersteres lässt sich in seiner Branche, der New Yorker Hedgefonds-Welt, nicht so genau bemessen. Letzteres ist dafür umso offensichtlicher.

          Mit seiner Frau Seema, die er – und die ihn – nicht mehr liebt, wohnt Barry in einem Manhattaner Hochhaus, dessen obere drei Stockwerke Rupert Murdoch gehören, geht zu Dinner-Verabredungen mit Nachbarpärchen, die er nicht leiden kann, und hat das kleine Problem, dass jederzeit das FBI durch die Tür stürzen könnte – Börsenbetrug. Seinen dreijährigen Sohn Shiva hat Barry zwar lieb, sieht ihn aber vor allem als eines: nicht normal. Jüngst wurde bei Shiva Autismus diagnostiziert – was im Laufe des Romans erfreulicherweise nicht witzereißend weggewinkt, sondern durchaus sensibel vertieft wird. Der Vater aber begreift seinen Sprössling nicht. Warum nur lässt Shiva sich nicht von Papas Luxusuhrensammlung begeistern? Barry hat genug. Er braucht das Allheilmittel für unruhige Herzen: den Greyhound-Bus und eine Reise nach Westen.

          Wie heutzutage eine Roadtrip-Geschichte schreiben, ohne sich bloß mit Klischees zum Affen zu machen? Zum Beispiel: indem man sich absichtlich mit Klischees zum Affen macht. Zwar könnte Barry ja problemlos erste Klasse fliegen oder zumindest Zug fahren, „aber dies war die freie Straße, und wenn du erst einmal auf der freien Straße warst, dann eilte das ganze Land herbei, um dich zu begrüßen und deinen Eistee nachzufüllen“. Der „weltgrößte Verfechter des Trickle-down-Effekts“ dürstet nach Authentizität und wird Tourist im Land der Brotlosigkeit. Schon bald landet die Kreditkarte im Müll; nur von seinen Uhren mag er sich noch nicht trennen. In der Greyhound-Halbwelt riecht es zwar nach Fuß, Fischbrötchen und Urin, aber das bringt Barry nicht vom Ziel ab: seine College-Freundin im texanischen El Paso auftreiben, möglicherweise ein paar Kinder mit ihr zeugen, sexy und glücklich sein. Und nebenbei die einfachen Leute verstehen, die in diesem Sommer 2016 mit dem absonderlichen Gedanken spielen, Donald Trump zum Präsidenten zu wählen.

          Gary Shteyngart: „Willkommen in Lake Success“. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Penguin Verlag, München 2019. 432 S., geb., 24,– Euro.
          Gary Shteyngart: „Willkommen in Lake Success“. Roman. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Penguin Verlag, München 2019. 432 S., geb., 24,– Euro. : Bild: Penguin Verlag

          Barry kennt die Gebrauchsanweisung. Jack Kerouacs 1957 erschienener Beat-Roman „On the Road“ (deutsch: „Unterwegs“) ist für viele junge Männer, meist weiße Mittelschichtssöhne mit geisteswissenschaftlichem Studienabschluss, eine Art Bibel. Gepredigt werden sexuelle Befreiung und literarisches Vagabundentum. Zu dieser Gemeinde gehört auch Barry, der in Princeton im Nebenfach Kreatives Schreiben studiert hat, Hemingways supermännliche Prosa bewundert und sich mit Anfang vierzig noch einbildet, in ihm schlummere ein Schriftsteller. „Sogar seine Träume von einer Reise quer durchs Land waren von der Möglichkeit unterfüttert, seine Erinnerungen eines Tages zu Papier zu bringen. So eine Art Unterwegs, nur in nachdenklicher, gereifter Sprache.“ Zur Beruhigung sei schnell gesagt, dass der Autor Gary Shteyngart viel zu scharfsinnig ist, um unironisch in der Road-Erotik Kerouacs zu schwelgen. Barry zeichnet er als narzisstischen Loser, der elegante Tragik mit Selbstmitleid verwechselt.

          Trump „der zutiefst gestörte New Yorker Geschäftsmann“

          Dass einem dreijährigen Kind und dessen junger Mutter durchaus Besseres widerfahren kann als ein eskapistischer Vater, fällt Barry nicht ein. Dessen Odyssee unterbrechen Kapitel aus Sicht der in New York gebliebenen Seema, der Shivas Erziehung nun allein zufällt. Seema ist zwar deutlich jünger als Barry, emotional aber weitaus reifer. Unlängst hat sie sich eingestanden, dass der Finanz-Machismo ihres Mannes genau der Systemfehler ist, durch den „der zutiefst gestörte New Yorker Geschäftsmann“ Trump gerade ins Amt zu kommen droht (Seema unterstützt Hillary Clinton, Barry Marco Rubio). Und statt Shivas Autismus weiter zu leugnen, beginnt Seema zu erkennen, dass ihr Kind eben so ist, wie es ist. So ängstlich, so eigen, so phantasievoll, so schön.

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