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New-York-Roman „City on Fire“ : Die dunkelste Stunde

New York, 13. Juli 1977: Beim berühmten „Blackout“ gehen die Lichter aus - bis auf die Feuer, die im Stromausfall überall in der dunklen Stadt ausbrechen. Bild: alex webb / Magnum Photos / Agen

Wie viele Leben braucht man, um eine Stadt zu beschreiben? Garth Risk Hallbergs New-York-Roman „City on Fire“ zeigt die Hauptstadt der westlichen Welt 1977 – als plötzlich alle Lichter ausgingen.

          Als könnte man das: einfach eine ganze Stadt, und dann auch noch die größte von allen, in die Hand nehmen und zu einem Buch formen. Zu einem fast genauso großen Buch. Das man beim Lesen abstützen muss, weil es 1080 eng bedruckte Seiten lang ist beziehungsweise schwer. Man muss sich das klarmachen, bevor man Garth Risk Hallbergs New-York-Roman „City on Fire“ also selbst in die Hand nimmt: Er ist wirklich sehr, sehr, sehr lang.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Er hat zwar auch ein paar Bilder, einige hineingestreute Texte anderen Zuschnitts, handgeschriebene Briefe auf liniertem Papier zum Beispiel, ein zusammenfotokopiertes Punkmagazin, das säuberlich getippte Manuskript einer Zeitschriftenreportage, E-Mails auch. Der Roman ist sozusagen postmodern aufgelockert.

          Aber drum herum, in sieben Bücher aufgeteilt: enorme Textmassen. Sortiert in kürzere Abschnitte wie der rechtwinklige Stadtplan von Manhattan, in dem Hallbergs Roman vor allem spielt. Es sind solche Massen an Text, dass man sich fragt, ob sich der Autor an jeden einzelnen dieser Sätze erinnern kann, die er da geschrieben hat und die man jetzt anstreicht, Sätze wie: „Er rauchte wie ein Mann, der es eilig hatte, oder einer, der in extremer Kälte aufgewachsen war“; oder: „Es gab nichts, über das New York lieber las als über sich selbst.“

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Und es gibt auch wenig, über das man als Nicht-New-Yorker lieber liest als über diese Stadt. New York also, mal wieder. Das Jahr ist 1977, meistens jedenfalls. Die Lage ist böse. Die Stadt verrottet. Das Geld geht aus und dann das Licht: ein Stromausfall, der berühmte Blackout vom 13. auf den 14. Juli 1977. Der amerikanische Präsident hatte sich zwei Jahre vorher geweigert, der in den Bankrott taumelnden Stadt mit Bundesmitteln zu helfen, was die „Daily News“ in der epochal gewordenen Titelzeile „Ford to City: Drop Dead“ verewigte. Er hatte das so nie gesagt: dass New York also tot umfallen soll. Aber so war es angekommen. Und dieser Stromausfall - Sinatras Stadt, die niemals schläft, stundenlang stockdunkel - wurde dann zum Symbol des anhaltenden Ausnahmezustands.

          Hallbergs Roman steuert auf diesen Blackout zu. Er treibt seine Figuren mitten in ihn hinein: ein Dutzend Figuren, die versuchen, wie Amerikaner zu leben, und natürlich scheitern, gut scheitern, erbaulich, versöhnlich, unterhaltsam scheitern - und dann weitermachen. Denn so leben Amerikaner, erzählt es uns die amerikanische Literatur.

          Die Flammenwerfer amerikanischer Literatur

          „City on Fire“, Hallbergs zweiter Roman, ist vor einem halben Jahr in den Vereinigten Staaten erschienen. Begleitet von jenem standardmäßigen Getöse, wenn gerade mal wieder die nächste Offenbarung der amerikanischen Literatur erscheint. Nach solchen amerikanischen Offenbarungen kann man wirklich die Uhr stellen, und fast immer sind es tolle Bücher: Vor Hallbergs „City on Fire“ kam Rachel Kushners „Flammenwerfer“, davor Chad Harbachs „Kunst des Feldspiels“, lauter ehrgeizige, elegante Romane von Debütanten (mehr oder weniger), die Geschichten erzählen können, das aber nicht tun wollen, ohne zugleich Geschichte zu rekonstruieren. Diese Welthaltigkeit, der eine intensive Recherche vorangeht, unterscheidet neue amerikanische Bücher vor allem von neuen deutschen Büchern, und das schon seit Jahren.

          Die Geschichte, die Garth Risk Hallbergs Roman in den Geschichten seiner Figuren erzählen will, handelt von der Hauptstadt der westlichen Welt kurz vor ihrem Kollaps, Mitte der siebziger Jahre. In der Bronx rauchen die Ruinen, ganze Viertel verslummen, die Mittelschicht ist weggezogen, die Unterschicht geblieben, wohin soll sie auch gehen? Und jetzt hoffen die Immobilieninvestoren auf die Vorzüge des warmen Abrisses.

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