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Roman „Was zu dir gehört“ : Schreiben, was man lebt

Sofia, die Hauptstadt Bulgariens: Dort lehrt der Ich-Erzähler an einer englischsprachigen Privatschule. Bild: Frank Röth

Fremdheit als Masche: Garth Greenwell erkundet im Roman „Was zu dir gehört“ schwules Selbstverständnis auf autobiographischer Grundlage.

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          Es gibt nur einen einzigen ausgeschriebenen Namen in diesem Roman: den von Mitko, dem bulgarischen Geliebten des Ich-Erzählers, eines amerikanischen Lehrers an einer englischsprachigen Privatoberschule in Sofia. Alle anderen handelnden Personen werden zu Buchstaben abgekürzt oder tragen, wie der Ich-Erzähler, gleich gar keine Namen. Von Mitko dagegen erfahren wir sogar zwei, denn nach 230 Seiten wird noch sein Kosename preisgegeben – kurz bevor nicht nur das Buch zu Ende geht, sondern auch die zweijährige Beziehung.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Bulgarien ist kein Land, in dem Homosexualität wohlgelitten wäre, entsprechend riskant ist die Liebschaft zwischen dem aus einem diesbezüglich eher liberal eingestellten Staat stammenden Fremden und dem einheimischen jüngeren Mann, der sich sein Geld als Stricher verdient – und wohl auch gelegentlich als Erpresser seiner Kunden.

          Doch von Seiten des Amerikaners ist echte Liebe mit im Spiel, und damit gibt es noch mehr Nachteile von käuflichem Sex, worüber er sich früh klar wird: „Ich fragte mich, wie es passieren konnte, dass ich einer jener Männer im Dunkeln geworden war, die darbringen, was man ihnen abverlangt, um zu erhalten, was man ihnen nicht aus freien Stücken gibt.“

          Der innerere Erfahrungsbericht eines Entfremdeten

          Dass der Roman autobiographisch grundiert ist, kann man rasch an der Vita seines Verfassers, des 1978 geborenen Garth Greenwell, ablesen, der wie der Ich-Erzähler bereits als Dichter reüssierte, bevor er einige Jahre am American College of Sofia unterrichtet hat. Greenwell machte sich zudem in Bulgarien für die Rechte von Homosexuellen stark.

          Garth Greenwell: „Was zu dir gehört“. Roman. Aus dem Englischen von Daniel Schreiber. Hanser Berlin Verlag, Berlin 2018. 239 S., geb., 22,– .

          Lehre und politisches Engagement stehen aber nicht zur Debatte in „Was zu dir gehört“; das Buch ist der innere Erfahrungsbericht eines in vielerlei Hinsicht Entfremdeten, der seine geistige wie sexuelle Identität an einem Jugenderlebnis festmacht, dem Fasziniertsein von einem schönen Mitschüler, der sich aber einem engen Verhältnis versagte: „Ich glaube, das ist es, wonach ich seither immer gesucht habe, diese Mischung aus Ausgeschlossensein und Begehren, die ich dort in diesem Zimmer erfuhr; der Schmerz des Ausgeschlossenseins und die Lust des Begehrens – manchmal glaube ich, es ist das Einzige, wonach ich je gesucht habe.“ Als Amerikaner in Sofia findet er es nun.

          „What Belongs to You“ heißt der Roman im Original – was den Übersetzer Daniel Schreiber und den Verlag vor die interessante Wahl gestellt hat, ob er als „Was dir gehört“ oder eben „Was zu dir gehört“ zu übertragen wäre. Mit der Entscheidung für die Zugehörigkeit wird die zurückhaltendere Variante gewählt; die auch in diesem Buch beschriebene körperliche Gier nach dem anderen Mann, eine regelrechte Einverleibung, tritt zurück hinter die passivere Haltung, die aber zugleich Unteilbarkeit für sich in Anspruch nimmt – ein Traum, der in den bulgarischen Jahren zerstört wird durch die Konfrontation mit einer doppelt anderen Lebenswirklichkeit: der des für den Ich-Erzähler rätselhaften Landes und der des schon in seiner Jugend zum Scheitern verdammten Mitko.

          Stilistische Ähnlichkeit mit Édouard Louis

          Das Buch erscheint jetzt bei Hanser Berlin, zwei Jahre nachdem es in den Vereinigten Staaten Aufsehen erregt hat. Der deutsche Verlag will damit an den vorjährigen Erfolg von Hanya Yanagiharas Roman „Ein wenig Leben“ anknüpfen, der auch eine schwule Liebesgeschichte erzählt, allerdings über Jahrzehnte hinweg und geschrieben von einer Frau. Für den Umschlag der deutschen Ausgabe hat man eigens ein weiteres markantes Foto von Peter Hujar ausgewählt, nachdem dessen Coverabbildung bei Yanagiharas Buch geradezu stilbildend geworden ist.

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