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: Ganz Ohr

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Man könnte, in Abwandlung einer Charakteristik des W.C. Fields, über ihn sagen: Menschen, die Lärm und Wichtigtuerei hassen, können nicht ganz schlecht sein. Wilhelm Genazino ist auch ein Komiker von Gewicht, der mit dem Amerikaner die jederzeitige Verzweiflungsbereitschaft angesichts von Alltagsgegenständen und ...

          Man könnte, in Abwandlung einer Charakteristik des W.C. Fields, über ihn sagen: Menschen, die Lärm und Wichtigtuerei hassen, können nicht ganz schlecht sein. Wilhelm Genazino ist auch ein Komiker von Gewicht, der mit dem Amerikaner die jederzeitige Verzweiflungsbereitschaft angesichts von Alltagsgegenständen und -zufällen teilt und pflegt, insbesondere gegenüber solchen, auf die man keinen Einfluss hat. Die Tücke des Objekts lässt den zum Mitleid Begabten aber gelegentlich in misanthropischem Lichte erscheinen.

          Der Roman "Mittelmäßiges Heimweh", den wir von heute an in unserem Feuilleton vorabdrucken, ist nicht nur in dieser Hinsicht auf der Höhe der Genazino-Kunst - mit dem fast einzigartigen Gespür für Peinlichkeiten jeder Art und dem Willen, der Realität durch Genauigkeit und nicht durch Überzeichnung auf die Schliche zu kommen: "Eigentlich will ich über Sonja und mich nachdenken, aber ich denke nichts und schaue den Kindern beim Spielen zu. Kaum sitze ich, fängt in der Nähe ein Bagger an, einen Graben auszuheben. Ich höre eine Weile zu und versuche abzuschätzen, ob der Bagger für mich zu laut ist oder nicht. Wahrscheinlich sollte ich besser gehen, aber ich bin entschlusslos und verharre auf der Bank."

          Man kann über dieses mit der Einsicht in die Evidenz des blöden Zufalls kaustisch gesprochene "Kaum sitze ich" durchaus die Tränen dessen lachen, der froh ist, dass es auch anderen Leuten nicht gleichgültig ist, wenn der Lärmpegel um sie herum steigt. Aber man sollte das Resultat dieser Dünnhäutigkeit nicht vergessen, das weniger zum Lachen ist: Lähmung, Stillstand, eine Verzweiflung, deren Träger nichts und niemanden hat, an dem er sich abreagieren kann. Dieser Dieter Rotmund ist kein Jack-Lemmon-haftes Nervenbündel, das seiner Umgebung seinerseits auf die Nerven fällt; man fühlt mit einem, der mit dieser Welt nicht nur nichts anfangen kann, sondern ihr auch gar nicht gewachsen ist.

          Oder doch? Der Held ist ein Amputierter: Erst fällt ihm (im zu lauten Lokal!) ein Ohr ab, dann ein Zeh, schließlich die Last des Lebens (aber nicht das Leben selbst). Vom offenen, zuversichtlich stimmenden Romanende her kann man diese unrealistischen Vorgänge in ihrem metaphorischen Gehalt begreifen: Dinge aus dem beschädigten Leben, das der Frankfurt-Kenner an Adornos Wirkungsstätte nun schon lange genug seziert. Dem trotz Ohrverlust unauffälligen, erotisch aufmerksamen Stadtstreicher läuft just in dem Moment die (eine) Frau für einen weiteren Lebensabschnitt über den Weg, in dem er ein Kind dabei beobachtet, wie dem der Daumen abfällt - Erkennungszeichen unter Versehrten? Sofort ahnt Rotmund "die Spur der Katastrophe".

          Seine eigene hat er überstanden: die quälend sich hinziehende Trennung von seiner Ehefrau, die es nicht gewohnt ist, die Folgen ihrer Rücksichtslosigkeit zu bedenken. Hier, in der Auseinandersetzung um Geld und Wochenendtermine für die Tochter, gewinnt der Eigenbrötler an Profil, und man staunt in den glänzend geführten, auf das Allerwesentlichste heruntergedimmten Dialogen plötzlich über die Schlagfertigkeit eines Angestellten, der sonst selten oder zu spät weiß, was er sagen soll. Seine Beförderung zum Finanzdirektor einer mittelständischen Firma enthebt ihn endlich der alltäglichen Zumutungen. Mehr Glück gibt es für diesen Anfangvierziger nicht, aber das ist doch wenigstens etwas.

          Die Mentalität der Helden dieses Büchnerpreisträgers ist uns seit der Abschaffel-Trilogie bekannt, und sie hat sich in all der Zeit nicht wesentlich geändert - zum Glück. Genazinos Unwille, sich an Stoffe zu wagen, die er nicht beherrscht, wirft abermals große, makellose Literatur ab - in diesem Fall den Glücksfall von einem Roman.

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