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Roman von Gabriela Adameşteanu : Mut und Übermut im Totalitarismus

Rumänische Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts im Spiegel bürgerlichen Daseins: Ladenszene in Bukarest, 1972 Bild: Barbara Klemm

Liebe in den Zeiten von Ceauşescu: Die rumänische Autorin Gabriela Adameşteanu erweist sich einmal mehr als Großmeisterin des Romans.

          4 Min.

          Als Gabriela Adameşteanu Ende 1989 in Rumänien den Sturz von Nicolae Ceauşescu erlebte, war sie siebenundvierzig Jahre alt – und eine Schriftstellerin, der es gelungen war, unter dem Diktator zwei Romane zu veröffentlichen, von denen niemand begriff, wie sie durch die Zensur gelangen konnten. 1975 war das „Der gleiche Weg an jedem Tag“ gewesen, die Geschichte von Letitia Branea, einer noch im Zweiten Weltkrieg geborenen jungen Frau aus einer dem kommunistischen Regime dubiosen Familie, die entsprechend große Schwierigkeiten hat, sich ihren Traum zu erfüllen, aus der Provinz nach Bukarest zu kommen.

          Andreas Platthaus
          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Die autobiographischen Bezüge waren ebenso deutlich wie die gesellschaftspolitischen, aber Letitias Schicksal im Roman war ja Resultat des Verhaltens ihrer Verwandten in den Jahrzehnten vor Ceauşescus Machtantritt im Jahr 1965, sodass die sich dann doch durch Protektion und Anpassung eröffnende Kulturkarriere der Protagonistin als Resultat der neuen Ära verstanden werden konnte: Unter dem neuen Parteichef, so wollte es die Propaganda, wurden alte Fehler revidiert, und jeder bekam seine Chance. Gabriela Adameşteanu machte aus diesem Politmythos ein beklemmendes Privatdrama, das mit allen Wassern westlicher, vor allem französischer Literaturpsychologie gewaschen war – von Gustave Flaubert bis Marguerite Duras.

          Der Wille zur Literatur 

          1983 publizierte Adameşteanu dann „Verlorener Morgen“, ein großes Panoptikum der rumänischen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts im Spiegel einer bürgerlichen Familie. Das war nun in Anspruch und Stil erkennbar an Proust geschult und inhaltlich noch viel gewagter als „Der gleiche Weg an jedem Tag“, weil hier die Wurzeln des Totalitarismus offengelegt wurden. Aber auch dieses Buch konnte erscheinen, und Gabriela Adameşteanu führt das im Rückblick darauf zurück, dass sie nie eine Heldin gewesen und deshalb auch nicht unangenehm aufgefallen sei. Das stimmt aber höchstens für die Jahre bis 1989. Danach engagierte sie sich vehement für den politischen Neuanfang, begründete die Bürgerrechtszeitschrift 22 mit und arbeitete dort dreizehn Jahre lang als Journalistin. Damit jedoch schien die Zeit der Schriftstellerin Adameşteanu passé.

          Gabriela Adameşteanu: „Das Provisorium der Liebe“. Roman.
          Gabriela Adameşteanu: „Das Provisorium der Liebe“. Roman. : Bild: Aufbau Verlag

          Doch als sie 2003 Einblick in die Akten der Securitate erhielt, kam der Wille zur Literatur zurück – manche Dinge können nur im Schutz von Fiktionalisierung ertragen und verarbeitet werden. Erst einmal nahm sie ein noch im kommunistischen Regime begonnenes Romanprojekt wieder auf: „Begegnung“, die Geschichte der kurzfristigen Heimkehr eines exilierten Architekturhistorikers. Dafür gab die Geschichte ihres eigenen Onkels Dinu Adameşteanu die Folie ab, und die Arbeit am Buch empfand sie im Nachhinein als „Labor der Zensur und Selbstzensur“, wie Gabriela Adameşteanu es im Gespräch mit dieser Zeitung genannt hat. Danach wusste sie, dass sie immer noch Belletristik schreiben und darin über Dinge sprechen konnte, die ihr als Journalistin zu privat waren, aber dennoch von größter Aussagekraft fürs Verständnis eines (Über-) Lebens in der Diktatur. Gerade auch des eigenen. Und so kam sie für den nächsten Roman nach vierzig Jahren wieder zurück auf Letitia Branea, ihr Alter Ego aus „Der gleiche Weg an jedem Tag“. Sie ist nun auch die Protagonistin des gerade auf Deutsch erschienenen Romans „Das Provisorium der Liebe“.

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