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: Fünfunddreißig Jahre zu lange vergessen

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Vor fünfunddreißig Jahren erschien in der DDR Alfred Wellms Roman "Pause für Wanzka oder Die Reise nach Descansar". Heute sollten das Buch jene zur Hand nehmen, die wegen der schlechten Ergebnisse deutscher Schüler beim Pisa-Test empfehlen, vom DDR-Schulsystem zu lernen. "Pause für Wanzka" ist eine ...

          Vor fünfunddreißig Jahren erschien in der DDR Alfred Wellms Roman "Pause für Wanzka oder Die Reise nach Descansar". Heute sollten das Buch jene zur Hand nehmen, die wegen der schlechten Ergebnisse deutscher Schüler beim Pisa-Test empfehlen, vom DDR-Schulsystem zu lernen. "Pause für Wanzka" ist eine so radikale wie wunderbar geschriebene Abrechnung mit der sozialistischen Schule, die ausschließlich auf das Kollektiv setzte und nur einheitliche Ziele in Erziehung und Bildung zuließ. Die jede Begabung vernichtete, wenn sie sich nicht angepaßt verhielt.

          Alfred Wellm hatte die Verlogenheit dieses Schulsystems selbst erlebt. Seine Geschichte war also authentisch. Das erklärt die explosionsartige Wirkung des Romans bei seinem Erscheinen. Das DDR-Bildungsministerium sprühte Gift. Die Lehrerschaft protestierte. Das Buch konnte nur veröffentlicht werden, weil Walter Ulbricht es so wollte - allerdings ebenfalls aus vergifteten Motiven.

          "Pause für Wanzka" erzählt von einem Lehrer kurz vor der Pensionierung. Der Schulrat möchte noch einmal zurück an eine Schule. Zunächst einmal muß er sich mit diesem Wunsch im SED-Apparat durchsetzen. Schließlich gerät er an die Schule einer kleinen Stadt und erlebt dort, wie herz- und hirnlos Anweisungen - eben noch waren es seine Anweisungen gewesen - von den Lehrern abgearbeitet werden. Es gibt viele Posten, die abzurechnen sind. Aber keinen gibt es für die, wie es im Roman heißt, "Liebung der Kinder". Der ehemalige Schulrat trifft in seiner Klasse auf Klausgünther, den vorbildlichen, aber langweiligen Schüler, der wie eine Maschine funktioniert. Und auf Norbert, der nicht viel von Pflicht und Disziplin hält, aber eine offensichtliche Begabung für die Mathematik hat.

          Der Lehrer Wanzka pflegt einen unkonventionellen Unterricht. Einmal läßt er alle Fenster öffnen, damit seine Schüler dem Regen zuhören. Für solche Eigenmächtigkeiten indes ist an der sozialistischen Schule kein Platz. Wanzkas Klasse gilt bald als undiszipliniert; er selbst gerät im "Lehrerkollegium" ins Abseits. Er verteidigt seinen Schüler Norbert, als der einer Lehrerin in die Hand beißt. Norbert sind sozialistische Persönlichkeiten egal. Lieber fängt er Mäuse, die er gefangenen Eulen zum Fraß vorwirft. Wanzka beginnt, ihm Privatunterricht zu erteilen. Als er Norbert zur Mathematik-Olympiade schicken will, macht ihm das Lehrerkollektiv einen Strich durch die Rechnung. Auch darf Norbert, den Wanzka für sich "den Konsequent" nennt, nicht zur Erweiterten Oberschule, dem DDR-Gymnasium. Wanzka resigniert und geht in den Ruhestand.

          Alfred Wellm, Jahrgang 1927, war nach dem Krieg ein sogenannter "Neulehrer" geworden. Bald schon war er zum Schulleiter aufgestiegen und wurde 1950 jüngster Kreisschulrat der DDR. Wellm begann, Kinderbücher zu schreiben. Wie sein Held Wanzka sehnte er sich zurück in die Schule. Er wurde in das mecklenburgische Mirow versetzt. In "Pause für Wanzka" heißt es: "Die Schule Mirenberg steht schräg auf die Straße zu. Zwei lange Fensterreihen. In der Mitte das Portal. Sechs blinde Säulen aus grauem Putz. Und ein angedeuteter Altan über der Tür. Oben steht in großer Schrift: Gegründet 1820. Abgebrannt am 21. Januar 1848. Wieder hergestellt durch Georg G.H.v.M." Die Buchstaben stehen für den Großherzog von Mecklenburg-Strelitz. Wellm beschreibt das Schulgebäude in Mirow, in dem derzeit eine Außenstelle des Neustrelitzer Gymnasiums Carolinum untergebracht ist. Die Einheimischen nennen das Haus "Unteres Schloß" - um es von dem eigentlichen Mirower Schloß auf der Schloßinsel unterscheiden zu können, einem Gebäude von 1760. Im Vorgängerbau des "Unteren Schlosses" wurde 1744 die strelitzsche Prinzessin Sophie Charlotte geboren, die spätere Ehefrau von Georg III. und englische Königin.

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