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Friedrich Sieburg: Die Lust am Untergang : Ein Zeitalter wird verachtet

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Friedrich Sieburg war einer der brillantesten Köpfe seiner Zeit. Jetzt sind seine Essays aus den fünfziger Jahren in der Anderen Bibliothek erschienen. Die Analysen, die "Die Lust am Untergang" versammelt, haben an heller Schärfe nicht verloren.

          Einige Wochen, nachdem Friedrich Sieburg am 19. Juli 1964 gestorben war, hatten sich so viele Leser nach den Schriften des Verstorbenen erkundigt, dass die Redaktion dieser Zeitung sich entschloss, einen Werkkatalog ihres langjährigen Literaturchefs zu veröffentlichen. Er begann im Jahr 1920, mit dem Gedichtband „Die Erlösung der Straße“, und endete nach mehr als dreißig Titeln mit den im Todesjahr unter der Überschrift „Gemischte Gefühle“ erschienenen „Notizen zum Lauf der Zeit“. Der nur ein Jahrzehnt zuvor bei Rowohlt veröffentlichte Essayband „Die Lust am Untergang. Selbstgespräche auf Bundesebene“, war im Todesjahr bereits vergriffen, aber immerhin noch für 2,20 Mark als Taschenbuch lieferbar. Wenige Jahre später waren Sieburgs Bücher, deren Gesamtauflage Hunderttausende betragen hatte, allenfalls noch antiquarisch erhältlich. So sollte es bleiben. Offenbar war die Zeit erbarmungslos über einen der brillantesten Köpfe seiner Generation hinweggegangen.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Aber wie klingt eine angestaubte Größe von gestern? Etwa so: „Die seelischen Reserven, die beim Ausbruch einer Wirtschaftskrise herangezogen werden könnten, sind noch geringer als die Kapitalreserven unserer Industrien.“ Oder so: „Wir erklären, dass unser Leben wieder normal geworden sei, aber wir kennen die Norm nicht und glauben auch nicht, dass es eine gibt.“ Oder, voller Sarkasmus, so: „Man muss auch eine Sache, von der man nichts weiß, zu Ende denken können. Niemand soll uns vorwerfen, dass wir dessen nicht fähig seien.“

          Retourkutsche eines zutiefst Verletzten

          Das klingt wie tagesaktuelle Kommentare zur gegenwärtigen Krise, ist aber mehr als ein halbes Jahrhundert alt und stammt aus einem Buch, dessen Autor nahezu vergessen, dessen Titel indes geradezu sprichwörtlich ist. Das liest sich über weite Strecken wie eine scharfsinnige Analyse deutscher Befindlichkeiten und schnurrt doch an entscheidenden Wegmarken immer wieder zusammen zur gravitätisch dahinflitzenden Retourkutsche eines zutiefst verletzten Mannes gegen alles und jeden: Ein Zeitalter wird verachtet.

          Sieburg reibt sich an einer Gegenwart, die er umso mehr verabscheuen muss, je mehr sie ihn zu isolieren droht. Weil ihm die Gesellschaft die ersehnte Rolle der intellektuellen Galionsfigur verwehrt, entschließt er sich zur melancholischen Verkörperung geistesaristokratischen Außenseitertums. Sieburgs Trachten richtet sich auf Repräsentation und Stil. Weil ihm das eine verweigert wird, bleibt ihm nur die Flucht ins andere. Aber neben den Stil tritt zunehmend die Selbststilisierung: zum Opfer und zum Gegengeist seiner Zeit, die er nicht anders betrachten kann denn als abgelebte Gegenwart. Ihr schleudert er seine „rationalisierten Seufzer“ (Joachim Fest) entgegen, als handle es sich um Blitze, die vom Olymp herniederfahren.

          Das ist das Ende des unbekümmerten Löffelns

          Es ist verblüffend zu sehen, wie viele Themen Sieburg aufgreift, die uns bis heute begleiten. Das reicht von der wachsenden Neigung, Entscheidungen von der „politisch-moralischen Ebene auf die der Justiz zu schieben“, also dem Bundesgerichtshof zu überlassen, bis zum Essverhalten, das heftigen Irritationen ausgesetzt sei: „Das ist das Ende unbekümmerten Löffelns.“ Ein Satz, bei dessen Lektüre manchem noch im Ohr geklungen haben mag, wie unbekümmert der erklärte Genussmensch Sieburg selbst zu löffeln verstand, etwa unmittelbar vor Kriegsausbruch, als der damalige Mitarbeiter in Ribbentrops Auswärtigem Amt im Pariser „Ritz“ frische Feigen in Rahmsauce verspeiste. Sieburg beschrieb die Szene in dem ersten Buch, mit dem er sich dem deutschen Nachkriegspublikum wieder ins Gedächtnis rufen wollte. Schon der Titel war 1950 eine Provokation: „Unsere schönsten Jahre“. Nicht ohne Grund hatten die Alliierten den ehemaligen Korrespondenten der „Frankfurter Zeitung“ in Paris bis 1948 mit einem Publikationsverbot belegt. Sieburgs Verhalten gegenüber dem Hitler-Regime ist schillernd und blieb stets uneindeutig, aber dass er sich „wenigstens partiell vor den braunen Karren“ hatte spannen lassen, wie Thea Dorn in ihrem klugen und kenntnisreichen Vorwort schreibt, muss unbestritten bleiben. Es hatte sich zweifellos nie die ganze Person den Nazis verschrieben, aber es konnte sich auch nie wieder die ganze Person aus dem braunen Geschirr befreien. Das blieb sein Kummer und Elend bis zuletzt.

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