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: Frei wie ein Baum

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Bis heute ist Nâzim Hikmet der einzige türkische Lyriker, der außerhalb seiner Heimat einem breiteren Kreis von Literaturliebhabern auf allen Erdteilen bekannt (geblieben) ist. Zu seinen Lebzeiten war er so berühmt wie sein Dichterfreund Pablo Neruda, nicht zuletzt wegen seiner politischen Leidensgeschichte.

          Bis heute ist Nâzim Hikmet der einzige türkische Lyriker, der außerhalb seiner Heimat einem breiteren Kreis von Literaturliebhabern auf allen Erdteilen bekannt (geblieben) ist. Zu seinen Lebzeiten war er so berühmt wie sein Dichterfreund Pablo Neruda, nicht zuletzt wegen seiner politischen Leidensgeschichte. In der Türkei selbst hat seine Popularität niemals nachgelassen, auch nicht nach dem Scheitern der kommunistischen Ideologie. Die Türken nennen ihn meistens nur liebevoll "Nâzim". Und man kann beobachten, dass das Werk dieses Welt-Dichters, das geradezu eifersüchtig von der Linken monopolisiert worden ist, auch bei politisch ganz anders denkenden Türken längst geschätzt wird. Dass Hikmet Kommunist war, spielt heute eine weitaus geringere Rolle als die Qualität seiner Dichtung. Seine Themen sind allmenschlich, kreisen um das Streben nach Gerechtigkeit und Harmonie; er scheut jedoch auch vor dem Streit nicht zurück. Hikmet selbst betrachtete seine Gedichte auch als Teil des Klassenkampfs. Heute kann man ihn stärker als Poeten rezipieren, der neben sozialer Sensibilität auch den Wunsch nach einer befriedeten Menschheit zum Ausdruck bringt: "Leben, einzeln und frei wie ein Baum / und brüderlich wie ein Wald / ist unser Traum", wie einer seiner berühmtesten, zum volkstümlichen Zitat (atasözü) gewordenen Verse lautet. In seinen späten Gedichten besingt Hikmet, der seit 1921 keine Moschee mehr betreten hatte, den Kosmos als die Heimat des Menschengeschlechts. Ein orthodox Gläubiger konnte der Marxist Hikmet, der auch Spinoza gelesen hatte, nicht sein.

          Es war höchste Zeit, dass im deutschsprachigen Raum (nach Übertragungen durch Yüksel Pazarkaya und Yildirim Dagyeli) in einer Anthologie wieder auf diesen Dichter, der in der türkischen Literatur formal wie inhaltlich als Revolutionär gelten muss, aufmerksam gemacht wird. Der Band "Hasretlerin Adi - Die Namen der Sehnsucht" versammelt in der Auswahl und Übertragung von Gisela Kraft eine große Anzahl der bekannten und weniger bekannten Gedichte Hikmets im türkischen Original und in deutscher Übersetzung, bisweilen auch eher in Form einer Nachdichtung. Das hat mit der Komplexität von Hikmets Sprache zu tun, die zwar Einfachheit anstrebt, aber gerade deswegen so schwer zu übertragen ist. Dabei reicht der Reigen dieser Blütenlese von den frühen lyrischen Versuchen des Elfjährigen (Feryad-i vatan - Heimatklage) bis zu Gedichten aus den letzten Lebensjahren (Vera´ya - Für Vera, seine letzte Ehefrau), die der Dichter, nach Jahren der Haft in der Türkei, schwer herzkrank in Moskau verbrachte.

          Wie die meisten türkischen Lyriker des vorigen Jahrhunderts begann auch Nâzim Hikmet, 1902 im damals noch osmanischen Saloniki (Selânik) in einer gebildeten Familie geboren, nach den klassischen Vorbildern zu dichten. Die höfische Divan-Poesie und ihre Formen, bisweilen auch die volkstümliche Lyrik der anatolischen Barden gehörten zu diesen Vorbildern, doch überwogen persisch-arabische Muster, die jahrhundertelang den Wortschatz und die Metaphern der türkischen Poesie, die Inhalte wie die Formen des Dichtens vorgegeben hatten. Seine Jugend verlebte Hikmet in Aleppo und Istanbul. In den frühen zwanziger Jahren begeisterte ihn zunächst der nationale Befreiungskampf unter Mustafa Kemal (dem er auch eine Dichtung widmete). Zusammen mit seinem Freund, dem Lyriker Vâlâ Nurettin, durchstreifte er Anatolien, um "das Volk" kennenzulernen.

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