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Frédéric Wandelère: Hilfe fürs Unkraut : Versbruch mit Tiger

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Bild: Verlag

Poet des offenen Fensters: Erstmals werden Gedichte von Frédéric Wandelère auf Deutsch publiziert. Eine beglückende Lektion in Lebensfreude.

          2 Min.

          Seit der Romantik ist das Verhältnis von Dichtung und Natur gestört: Zu verbraucht ist die große Geste, mit der ein Inspirierter sich wortgewaltig über Seen und Wälder ergießt. In der französischen Tradition ziehen sich viele Poeten deshalb in Bibliotheken und andere künstliche Paradiese zurück; manche suchen in elementarem Purismus ihr Heil.

          Der Westschweizer Frédéric Wandelère geht unaufgeregt einen dritten Weg: Er ist ein Dichter des offenen Fensters. „Der Zweig hat mein Fenster erreicht, / langsamer Pilger auf Reisen, / dann schultert der Herbst deinen Sack“ - so ein haikuartiges frühes Wortgesteck, das Wandelère dem Reiseschriftsteller Nicolas Bouvier gewidmet hat. Nicht durch Pathos oder weite Fahrten versucht der Dichter die Natur zu ergreifen: Ihm, dem geduldigen Schreibtischtäter, wächst sie langsam zu. Auf dieselbe Weise fallen ihm Anekdoten in den Schoß, die er in späteren Gedichten entwickelt. Oft genug verharrt Wandelère auf der Schwelle, und „das Zögern / wird zum Gedicht“.

          Das Zufallen der Sprache

          Der Band „Hilfe fürs Unkraut“ vereint Gedichte aus mehreren Sammlungen und Jahrzehnten. Erstmals wird dem deutschen Publikum damit das Werk des 1949 in Fribourg Geborenen nahegebracht. Dazu haben der Dichter und seine Übersetzer Elisabeth Edl und Wolfgang Matz für die „Edition Lyrik Kabinett“ eine repräsentative Auswahl getroffen. Es ist beglückend, die gewohnt sorgfältig, ja kongenial übertragenen Texte zu lesen, zwischen Original und deutscher Version zu springen.

          Wie zufällig werden Dinge sichtbar, ergibt die Welt einen Sinn: „Überraschung und Gabe der Nacht / Schnee liegt auf Wiese und Dächern / Ich seh den Felsweg / das Unsichtbare mit Kreide markiert.“ Diese „Kurze Erkenntnis“ (so der Titel) meint auch das Zufallen der Sprache, welche die „Vollkommenheit ohne Worte“ (“Tribut an Bildern“) erst zu fassen vermag - und das Aha-Erlebnis des Lesers.

          Verführung des Krokodils

          Wandelère ist ein Sammler von Epiphanien, von weltlichen Erleuchtungen, die ihm unverhofft zuteilwerden. Etwa beim Anblick eines seilspringenden Mädchens „von unfassbarer Anmut“: „Ich schaue ein gutes Weilchen. Wieder ein Tag / gerettet.“ Sein Verdienst wären das sehende Auge, das treffende Wort - ein Understatement, das ihn Jacques Réda und Georges Perros annähert.

          Dichter, wie hältst du es mit dem Reim? Ebenfalls wie Perros stellt Wandelère sich der Frage mit Nonchalance: Die Form nämlich, „die bleibt debil / gehorcht sie auch der Norm, dem schönen Quark / verführt sie auch das erste beste Krokodil / im Park“. So frotzelt das „Enttäuschung“ betitelte Schlussgedicht. Tatsächlich schmiegt die Sprache sich ihrem Gegenstand an - auch wenn das die schöne Regelmäßigkeit von Silbenzahl und Reim stört. Überraschende Sprünge wie in „Teestunde“ (nach drei Zehnsilbern ein Siebensilber) finden sich, konsequente Achtsilber wie „Fenster nach innen“ sind die Ausnahme.

          Den Sensemann verlachen

          Die Form ist geschmeidig, die Themenvielfalt groß. Wandelère widmet sich Schreibstube und Küche, Landschaft, Freudenmädchen, auch ein Tiger und ein ausgestopfter Wal haben ihren Auftritt. Seine Vorliebe gilt der kleinen Natur: Vögel, Heuschrecken, Ameisen, Schnecken. Mitunter spitzt er seine Beobachtungen stark zu, so dass sie zu enigmatischen Enkeln von La Fontaines „Fabeln“ werden: „Akrobatische Meisen / am Futterknödel / Sperlinge unterm Schlaraffenbaum“ (“Meisen und Sperlinge“). Von biedermeierhafter Verklärung freilich keine Spur, wie die wunderschönen Unterwassergedichte der neuesten Gedichtsammlung „Launische Gesellschaft“ belegen: Die Augen der Krebse „Die künden nur von Wasser, Meer / und Angst“.

          Die „Freude des Daseins“, die Philippe Jaccottet Wandelère zu Recht attestiert, ist nicht blind: Die existentielle Sorge wird benannt, ob durch Nachrufe oder ein Gedicht auf den Tod, der „eine beschwipste Tänzerin“ ist: „... Jetzt läuft sie / meinen Freunden nach, behelligt sie ganz / ungeniert oder sinkt ihnen voll Lust / an die Brust“. Ernst nehmen muss man ihn, verlachen aber soll man den Sensenmann erst recht - Wandelères Gedichte sind eine beglückende Lektion in Lebensfreude, vom Anfang bis zum unvermeidlichen Schluss.

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