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: Frauen suchen ja doch bloß Vaterfiguren

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Als der türkische Staatsanwalt Kemal Kerincsiz gegen Elif Shafak Anklage wegen Nicht-Leugnung des Genozids an den Armeniern erhob, hat er sich durchaus nicht einfach, wie die Verteidigung argumentierte, der Verwechslung von Erzähler- und Personenrede schuldig gemacht. Zwar wird das Wort "Genozid" tatsächlich ...

          Als der türkische Staatsanwalt Kemal Kerincsiz gegen Elif Shafak Anklage wegen Nicht-Leugnung des Genozids an den Armeniern erhob, hat er sich durchaus nicht einfach, wie die Verteidigung argumentierte, der Verwechslung von Erzähler- und Personenrede schuldig gemacht. Zwar wird das Wort "Genozid" tatsächlich und fraglos mit Bedacht nur von Personen verwendet; doch die Ursprungsgeschichten der beiden Familien, um die es im "Bastard von Istanbul" geht, sind so tief in die Ereignisse von 1915 verwoben, dass, ganz abgesehen vom Fehlen einer ausgestalteten Erzählerinstanz, im Roman dem Genozid ein Realitätsstatus wie Istanbul oder Alabama und San Francisco zukommt.

          Wirklich in Personenrede wird die offizielle türkische Version referiert. Auf dem Nebenschauplatz eines Istanbuler Literatencafés, ein meistens komödiantischer Topos der türkischen Literatur, rappelt der "nichtnationalistische Drehbuchautor ultranationalistischer Filme" sie herunter: Von so etwas haben wir noch nie gehört; damals herrschte Krieg, auch viele Türken sind umgekommen; das war noch gar nicht die Türkei; die Armenier übertreiben und verzerren; die Armenier leiden unter kollektiver Hysterie.

          Nein, Genozid und inzestuöse Vergewaltigung, das sind die beiden Traumata, um die herum der Roman seine Oberfläche organisiert. Asya, der Bastard, wächst in einer mannlosen Familie von vier Tanten auf, wobei die jüngste "Tante", Zeliha, ihre Mutter ist, vom einzigen Bruder vergewaltigt. Armanoush, das armenisch-amerikanische Gegenkind, teilt ihr Leben zwischen der gleichfalls tantenreichen armenischen Familie ihres Vaters und dem etwas sehr klischeehaft provinzamerikanischen Haushalt ihrer Mutter, Rose. Auf der Handlungsseite sind die Familien doppelt verbunden, indem der türkische Ahnherr den ersten Sohn der armenischen Ahnherrin angenommen und indem Rose in zweiter Ehe Mustafa, den Vergewaltiger, geheiratet hat. Asyas Vater ist also Armanoushs Stiefvater.

          Wichtiger als diese Genealogie, die viel zu verästelt daherkommt, als dass sie in ihrer schrittweisen Auflösung Spannung oder Überraschung erzeugen könnte, ist die thematische Spiegelung von Erinnerung und Vergessen. Asya weiß nichts von ihrem Vater, Zeliha und Mustafa wollen vergessen. Die armenische Familie dagegen und dann weiter die community, im Roman vor allem präsent durch einen chat-room, kann und will nicht vergessen. Der türkische Stiefvater ist ihnen ein Horror ebenso wie die Reise Armanoushs zu den Orten familiärer Vergangenheit.

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