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: Frau tot, Täter unbekannt

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Bevor sie Tamara Hayle losschickte, um in der mehrheitlich von Schwarzen bewohnten 300 000-Einwohner-Stadt Newark vor den Toren New Yorks Mördern nachzustellen, hat die amerikanische Journalistin Valerie Wilson Wesley drei kluge Entscheidungen getroffen: Sie hat den richtigen Zeitpunkt für den Start ihrer ...

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          Bevor sie Tamara Hayle losschickte, um in der mehrheitlich von Schwarzen bewohnten 300 000-Einwohner-Stadt Newark vor den Toren New Yorks Mördern nachzustellen, hat die amerikanische Journalistin Valerie Wilson Wesley drei kluge Entscheidungen getroffen: Sie hat den richtigen Zeitpunkt für den Start ihrer Schriftstellerkarriere gewählt, sie hat für ihre Krimis einen unverbrauchten Schauplatz gewählt, und sie hat eine Lücke in der afroamerikanischen Literatur geschlossen - eine schwarze Privatdetektivin hatte es vor dem Erscheinen von "When Death Comes Stealing" (dt. "Ein Engel über deinem Grab", 1996) nicht gegeben.

          Als Tamara Hayle 1994 ihre Ermittlungen aufnahm, erfuhr die schwarze Literatur - und insbesondere die aus Frauenhand - in den Vereinigten Staaten einen überraschenden Auftrieb. Zeitgleich mit den durch den Übergriff weißer Polizisten auf Rodney King ausgelösten Rassenunruhen in Los Angeles veröffentlichte Terry McMillan 1992 "Waiting to Exhale" (dt. "Endlich ausatmen", 1993) und setzte mit ihrem später verfilmten Erfolgsroman über die Suche von vier Frauen nach "Mr. Right" eine Begeisterung für schwarze Literatur in Gang, die ihren Niederschlag in einer Gründungswelle für schwarze Buchhandlungen, Verlage, Internet-Foren und Zeitschriften sowie in Neu-Editionen der Werke von Ralph Ellison und Zora Neal Hurston fand.

          Als Toni Morrison 1993 als erste schwarze Amerikanerin der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, selbst die lange verstummte Gayl Jones mit dem Roman "The Healing" wieder ein Lebenszeichen von sich gab und die Fernsehmoderatorin Oprah Winfrey zur nationalen Institution aufstieg, kam die Botschaft auch bei uns an, die ein amerikanischer Verleger so formulierte: "Wir haben all die Jahre viel Geld auf dem Tisch liegengelassen." Seitdem wurden uns - neben den neuen Werken von McMillan und Morrison - mit je ein oder zwei Büchern erstmals in deutscher Übersetzung so unterschiedliche Erzähltemperamente wie Maxine Clair, April Sinclair, Bebe Moore Campbell, Jacquelin Woodson, Shay Youngblood, Yolanda Joe, Gloria Naylor, Renée Swindle, Tina McElroy Ansa, Paula L. Woods, Marita Golden, Sister Souljah und Sapphire vorgestellt.

          Die Akzeptanz bei hiesigen Lesern und Kritikern hielt sich allerdings meistens in Grenzen. Nur Valerie Wilson Wesley bewies einen langen Atem und mit ihr der Diogenes Verlag, in dessen Programm die schwarze Ermittlerin neben den Klassikern von Raymond Chandler und Dashiell Hammett, Georges Simenon und Patricia Highsmith sowie ihren aktuell in Europa wirkenden Mordschwestern Donna Leon und Ingrid Noll für mehr als nur etwas Farbe sorgte.

          In "Dying in the Dark", 2004 in Amerika erschienen, hat die ebenso lebensfrohe wie selbstbewusste Ermittlerin nun schon ihren siebten Einsatz. Seltsamerweise hat der Diogenes Verlag für die deutsche Ausgabe keinen deutschen, sondern einen anderen englischen Titel gewählt: "Remember Celia Jones". Dieser Missgriff schmälert aber nicht das Verdienst, einer der interessantesten neuen Stimmen des schwarzen Amerikas über so lange Zeit die Treue gehalten zu haben. Mit Ausnahme des vierten Falls der Serie, "Where Evils Sleeps" (1997), hat Diogenes uns alle Tamara-Hayle-Krimis durch Gertraude Krueger übertragen lassen, wobei es der Übersetzerin gelungen ist, für das lose Mundwerk der Privatdetektivin, die gern mit ihren Sisters im Schönheitssalon ihrer Freundin Wyvetta tratscht, einen natürlichen Tonfall zu finden, der das schwarze Idiom nicht künstlich betont. In kluger Voraussicht hat die Autorin ihrer Ermittlerin neben der Hautfarbe noch mehr prägende Charakteristika verliehen: Hayle hat den Polizeidienst wegen Rassismus und Sexismus quittiert und den Vater ihres Sohnes verlassen.

          Völlig auf sich gestellt, kümmert sich die Enddreißigerin nun allein um Jamal, ist die Gerechtigkeit in Person und nicht zuletzt dem Glanz und Elend von Newark in ähnlicher Weise verbunden wie Leonardo Paduras Polizist Mario Conde gegenüber dem maroden Havanna. Glücklicherweise tritt sie dabei nie als Verkünderin von Thesen auf. Was Hayle über Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Gewalt auf der Straße, Drogen und Sex sagt, sind die so beiläufig wie deutlich geäußerten Ansichten einer Frau, die mitten im Leben steht, ihrem kurz vor dem College stehenden Sohn eine gute Mutter zu sein versucht, Affären gegenüber nicht abgeneigt ist und mit Menschenkenntnis diejenigen überführt, die andere umbringen.

          Wieder fängt das Jahr nicht gut an für sie. In "The Star-Ledger", der maßgeblichen Zeitung von New Jersey, liest Hayle vom gewaltsamen Tod ihrer ehemals besten Freundin Celia Jones: "Frau erschossen, Täter unbekannt". Auf der High School war Celia ihr großes Vorbild, "weil sie stark und schlau war und mehr Erfahrung hatte als ich", wie die Ich-Erzählerin sagt. Doch die Wege der Freundinnen hatten sich vor Jahren getrennt. "Wir hatten uns um einen Mann gestritten, was das Allerdümmste ist, worüber sich zwei Frauen streiten können."

          Als es nun an ihrer Bürotür klopft, studiert die Inhaberin und einzige Mitarbeiterin von "Hayle Investigative Services", wie ein Schild auf der Straße ziemlich großspurig ihre Ermittlungsdienste anpreist, die Gebrauchtwagenanzeigen. Der blaue Jetta Diesel, Baujahr 1982, hatte bei ihrem letzten Einsatz in Atlantic City ("Off-Road-Kids", 2003) ein tragisches Ende gefunden. Seitdem fährt Hayle Bus und Taxi, was in ihrem Beruf nicht gerade die ideale Fortbewegungsart ist. Aber da ihr Leben "ein ständiger Drahtseilakt zwischen abgebrannt und pleite" ist, scheint die Anschaffung eines neuen Autos ein Wunschtraum zu bleiben. Da müsste schon ein lukrativer Fall an ihrer Tür klopfen. Doch dort steht Celias Sohn Cecil, angezogen wie ein Straßengangster, und fordert trotzig: "Sie sollen herausfinden, wer meine Mutter umgebracht hat." Bei der Entwicklung ihrer Heldin hat sich die Autorin weniger an den Krimis ihrer schwarzen Brüder Chester Himes oder Walter Mosley orientiert als vielmehr am weißen Übervater des Private-eye-Krimis, Raymond Chandler.

          Hayles Besitz ist so gering wie der von Philip Marlowe. Die materielle Notwendigkeit ihrer Ermittlungen streicht ihre moralische Integrität besonders gut heraus. Und wenn, wie in diesem Fall, auch noch ein persönliches Interesse an der Klärung des Mordfalls vorliegt, gerät die Heldin schnell in Gewissenskonflikt. Mit solchen Kniffen erzeugt Wilson Wesley eine angenehme, weil ehrliche Spannung. Auch erspart sie dem Leser überraschende Wendungen und ein "ermüdendes Häkelwerk aus öden Indizien", wie Chandler das nannte.

          Man kann Wilson Wesleys Krimis getrost realistisch nennen und sogar die Worte, die Chandler für seinen älteren Kollegen fand, fast eins zu eins auf sie übertragen: "Hammett brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern. Er brachte diese Menschen aufs Papier, wie sie waren, und er ließ in der Sprache reden und denken, für die ihnen unter solchen Umständen der Schnabel gewachsen war." Im Mordfall von Celia Jones sind die möglichen Motive Eifersucht: Da bei ihrem zügellosen Liebesleben diverse Männer und auch eine Frau auf der Strecke blieben, sieht sich Hayle gleich vier Verdächtigen gegenüber.

          Wilson Wesleys Stärke ist es, eine packende Handlung mit einer subtil vermittelten Gesellschaftskritik zu paaren. Es ist die schwarze Mittelschicht, die sie dabei im Blick hat, die erste Generation, "die so leben kann, wie es ihr gefällt. Die erste Generation, die über den Rand der Krabbentonne gucken kann, in die man uns gepfercht hat, und die sich nicht mehr von den Weißen in den Arsch treten lassen muss", wie es die Figur Donald Mason formuliert. Dabei ist es nicht so sehr der Gegensatz der Rassen, der für Unruhe sorgt, als vielmehr der der Geschlechter.

          Auch wenn Hayle als Ich-Erzählerin auftritt, tut man gut daran, sie als Kunstfigur ernst zu nehmen. Mit ihrer Kindheit in den Wohnsilos von Hayes Homes, einem Trinker als Vater und einem Bruder, der Selbstmord beging, hat sie eine nicht unwahrscheinliche Sozialisation in einer Stadt hinter sich, mit der es nach den Rassenunruhen von 1967 so weit bergab ging, dass man von Newark lange als der schlimmsten Stadt Amerikas sprach.

          Hayles Erfinderin dagegen ist nicht nur zwanzig Jahre älter und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, sondern hat auch einen komplett anderen Lebenslauf: 1947 in Connecticut geboren, ging Wilson Wesley, da ihr Vater beim Militär war, eine Zeitlang in Madrid zur Schule. Zurück in den Vereinigten Staaten, studierte sie an der Howard-Universität Philosophie. Ausgerüstet mit einem zusätzlichen Abschluss in Journalismus, brachte sie das Schreiben an die Spitze des schwarzen Frauenmagazins "Essence", deren Chefredakteurin sie bis zum Beginn ihrer zweiten Karriere blieb.

          Was nach zehn Dienstjahren für Tamara Hayle besonders einnimmt, ist ihre Hartnäckigkeit, mit der sie immer wieder die größte Stadt New Jerseys ins Visier nimmt. Hat Philip Roth sich in den Romanen "Amerikanisches Idyll" und "Verschwörung gegen Amerika" an das Leben in den jüdischen Vierteln seiner Geburtsstadt in den vierziger Jahren erinnert, liefert Wilson Wesley - nimmt man die sieben Tamara-Hayles-Krimis zusammen - fast eine Chronik vom langsamen Wiederaufstieg der Stadt in unseren Tagen. Ihre Liebe zu und Sorge um Newark hat die Zugezogene von ihrem Mann übernommen, dem Dramatiker und Drehbuchautor Richard Wesley, der dort geboren wurde. Und das klingt im O-Ton so: "Ich fasste es als persönlichen Affront auf, als man den Newark Airport, der seit Jahren so hieß, in Liberty Airport umbenennen wollte. Es gab einen Aufschrei des Protestes, und am Ende hieß der Flughafen dann Newark Liberty Airport. Schön klingt das nicht, und es regt mich noch immer auf. Aber immerhin haben wir es geschafft, denen dort oben ein bisschen die Hölle heiß zu machen." Das ist Tamara Hayle, wie ihre Fans sie lieben: engagiert, zornig, hartnäckig und ein bisschen respektlos.

          REINHARD HELLING

          Valerie Wilson Wesley: "Remember Celia Jones". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gertraude Krueger. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 272 S., geb., 19,90 [Euro].

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