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: Frau tot, Täter unbekannt

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Wilson Wesleys Stärke ist es, eine packende Handlung mit einer subtil vermittelten Gesellschaftskritik zu paaren. Es ist die schwarze Mittelschicht, die sie dabei im Blick hat, die erste Generation, "die so leben kann, wie es ihr gefällt. Die erste Generation, die über den Rand der Krabbentonne gucken kann, in die man uns gepfercht hat, und die sich nicht mehr von den Weißen in den Arsch treten lassen muss", wie es die Figur Donald Mason formuliert. Dabei ist es nicht so sehr der Gegensatz der Rassen, der für Unruhe sorgt, als vielmehr der der Geschlechter.

Auch wenn Hayle als Ich-Erzählerin auftritt, tut man gut daran, sie als Kunstfigur ernst zu nehmen. Mit ihrer Kindheit in den Wohnsilos von Hayes Homes, einem Trinker als Vater und einem Bruder, der Selbstmord beging, hat sie eine nicht unwahrscheinliche Sozialisation in einer Stadt hinter sich, mit der es nach den Rassenunruhen von 1967 so weit bergab ging, dass man von Newark lange als der schlimmsten Stadt Amerikas sprach.

Hayles Erfinderin dagegen ist nicht nur zwanzig Jahre älter und Mutter von zwei erwachsenen Töchtern, sondern hat auch einen komplett anderen Lebenslauf: 1947 in Connecticut geboren, ging Wilson Wesley, da ihr Vater beim Militär war, eine Zeitlang in Madrid zur Schule. Zurück in den Vereinigten Staaten, studierte sie an der Howard-Universität Philosophie. Ausgerüstet mit einem zusätzlichen Abschluss in Journalismus, brachte sie das Schreiben an die Spitze des schwarzen Frauenmagazins "Essence", deren Chefredakteurin sie bis zum Beginn ihrer zweiten Karriere blieb.

Was nach zehn Dienstjahren für Tamara Hayle besonders einnimmt, ist ihre Hartnäckigkeit, mit der sie immer wieder die größte Stadt New Jerseys ins Visier nimmt. Hat Philip Roth sich in den Romanen "Amerikanisches Idyll" und "Verschwörung gegen Amerika" an das Leben in den jüdischen Vierteln seiner Geburtsstadt in den vierziger Jahren erinnert, liefert Wilson Wesley - nimmt man die sieben Tamara-Hayles-Krimis zusammen - fast eine Chronik vom langsamen Wiederaufstieg der Stadt in unseren Tagen. Ihre Liebe zu und Sorge um Newark hat die Zugezogene von ihrem Mann übernommen, dem Dramatiker und Drehbuchautor Richard Wesley, der dort geboren wurde. Und das klingt im O-Ton so: "Ich fasste es als persönlichen Affront auf, als man den Newark Airport, der seit Jahren so hieß, in Liberty Airport umbenennen wollte. Es gab einen Aufschrei des Protestes, und am Ende hieß der Flughafen dann Newark Liberty Airport. Schön klingt das nicht, und es regt mich noch immer auf. Aber immerhin haben wir es geschafft, denen dort oben ein bisschen die Hölle heiß zu machen." Das ist Tamara Hayle, wie ihre Fans sie lieben: engagiert, zornig, hartnäckig und ein bisschen respektlos.

REINHARD HELLING

Valerie Wilson Wesley: "Remember Celia Jones". Aus dem Amerikanischen übersetzt von Gertraude Krueger. Diogenes Verlag, Zürich 2006. 272 S., geb., 19,90 [Euro].

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