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: Frau tot, Täter unbekannt

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Völlig auf sich gestellt, kümmert sich die Enddreißigerin nun allein um Jamal, ist die Gerechtigkeit in Person und nicht zuletzt dem Glanz und Elend von Newark in ähnlicher Weise verbunden wie Leonardo Paduras Polizist Mario Conde gegenüber dem maroden Havanna. Glücklicherweise tritt sie dabei nie als Verkünderin von Thesen auf. Was Hayle über Männer und Frauen, Schwarze und Weiße, Gewalt auf der Straße, Drogen und Sex sagt, sind die so beiläufig wie deutlich geäußerten Ansichten einer Frau, die mitten im Leben steht, ihrem kurz vor dem College stehenden Sohn eine gute Mutter zu sein versucht, Affären gegenüber nicht abgeneigt ist und mit Menschenkenntnis diejenigen überführt, die andere umbringen.

Wieder fängt das Jahr nicht gut an für sie. In "The Star-Ledger", der maßgeblichen Zeitung von New Jersey, liest Hayle vom gewaltsamen Tod ihrer ehemals besten Freundin Celia Jones: "Frau erschossen, Täter unbekannt". Auf der High School war Celia ihr großes Vorbild, "weil sie stark und schlau war und mehr Erfahrung hatte als ich", wie die Ich-Erzählerin sagt. Doch die Wege der Freundinnen hatten sich vor Jahren getrennt. "Wir hatten uns um einen Mann gestritten, was das Allerdümmste ist, worüber sich zwei Frauen streiten können."

Als es nun an ihrer Bürotür klopft, studiert die Inhaberin und einzige Mitarbeiterin von "Hayle Investigative Services", wie ein Schild auf der Straße ziemlich großspurig ihre Ermittlungsdienste anpreist, die Gebrauchtwagenanzeigen. Der blaue Jetta Diesel, Baujahr 1982, hatte bei ihrem letzten Einsatz in Atlantic City ("Off-Road-Kids", 2003) ein tragisches Ende gefunden. Seitdem fährt Hayle Bus und Taxi, was in ihrem Beruf nicht gerade die ideale Fortbewegungsart ist. Aber da ihr Leben "ein ständiger Drahtseilakt zwischen abgebrannt und pleite" ist, scheint die Anschaffung eines neuen Autos ein Wunschtraum zu bleiben. Da müsste schon ein lukrativer Fall an ihrer Tür klopfen. Doch dort steht Celias Sohn Cecil, angezogen wie ein Straßengangster, und fordert trotzig: "Sie sollen herausfinden, wer meine Mutter umgebracht hat." Bei der Entwicklung ihrer Heldin hat sich die Autorin weniger an den Krimis ihrer schwarzen Brüder Chester Himes oder Walter Mosley orientiert als vielmehr am weißen Übervater des Private-eye-Krimis, Raymond Chandler.

Hayles Besitz ist so gering wie der von Philip Marlowe. Die materielle Notwendigkeit ihrer Ermittlungen streicht ihre moralische Integrität besonders gut heraus. Und wenn, wie in diesem Fall, auch noch ein persönliches Interesse an der Klärung des Mordfalls vorliegt, gerät die Heldin schnell in Gewissenskonflikt. Mit solchen Kniffen erzeugt Wilson Wesley eine angenehme, weil ehrliche Spannung. Auch erspart sie dem Leser überraschende Wendungen und ein "ermüdendes Häkelwerk aus öden Indizien", wie Chandler das nannte.

Man kann Wilson Wesleys Krimis getrost realistisch nennen und sogar die Worte, die Chandler für seinen älteren Kollegen fand, fast eins zu eins auf sie übertragen: "Hammett brachte den Mord zu der Sorte von Menschen zurück, die mit wirklichen Gründen morden, nicht nur, um dem Autor eine Leiche zu liefern. Er brachte diese Menschen aufs Papier, wie sie waren, und er ließ in der Sprache reden und denken, für die ihnen unter solchen Umständen der Schnabel gewachsen war." Im Mordfall von Celia Jones sind die möglichen Motive Eifersucht: Da bei ihrem zügellosen Liebesleben diverse Männer und auch eine Frau auf der Strecke blieben, sieht sich Hayle gleich vier Verdächtigen gegenüber.

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