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Franzobels „Floß der Medusa“ : Ein einzigartiges Experiment

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Er verfolgt die grausamen Initiationsrituale, die ein sadistischer Koch und sein nicht minder bösartiger Adlatus dem unbedarften Kombüsenjungen Viktor beibringen, der im Zentrum des ersten Teils und der letzten Seiten des Romans steht. Der Arzt seziert sodann in seiner primitiven Krankenstation einen Matrosen, der für einen Fluch noch über die Bewusstlosigkeit hinaus ausgepeitscht wird, bis er einen Hirnschlag erleidet. Und doch verweigert er dem Ersten Offizier, den gepuderten und geschminkten Gockel von Kapitän für unzurechnungsfähig zu erklären, was das überall sich ankündigende Unglück vielleicht verhindert hätte.

Der kühle Menschenforscher

Die Ausbootung der gemischten Menschenfracht in der Mitte des Romans mag Franzobels tragikomischen Stil illustrieren: Der unfähige Kapitän – „Reizdarm“ – verlässt das Schiff als einer der Ersten, der künftige Gouverneur Senegals will eine riesige Guillotine – „die Gerichtsbarkeit Frankreichs“ – auf ein winziges Rettungsboot verladen lassen, einem Geistlichen purzeln statt Bibeln erotische Kupferstiche aus seinem missionarischen Notgepäck, und ein Notar auf dem Weg zu seinen früheren Plantagen verschläft mit Frau und fünf Kindern glatt den Aufbruch. Der kühle Menschenforscher Savigny betritt hingegen mit anderen Interessen das Fallreep zum Floß: „Das war ein einzigartiges Experiment, eine phantastische Chance für die Wissenschaft!“

Dieser zynische Menschenversuch auf dem Floß füllt das letzte Drittel des Romans, zum Schicksal der sechs Rettungsboote wird nur selten hinübergeblendet. Hier geht es um nichts Geringeres als die Theodizee: „Gott? Die Frage seiner Existenz hing in der Luft – Wie kann er diese Havarie zulassen? Warum greift er nicht ein?“ Wie schon Voltaire und Johann Karl Wezel in ihren philosophiesatirischen Thesenromanen „Candide“ und „Belphegor“ überlädt Franzobel die leibnizsche Waage prästabilierter Harmonie in absurder Weise: Die Waagschale mit Unglück, Elend und Bosheit lässt der Gegenseite mit den optimistischen Prinzipien einer gütigen, besten aller möglichen Welten keine Chance. Das Motto zu Wezels Roman aus Thomas Hobbes’ „Leviathan“ – „Bellum omnium contra omnes“ – hätte Franzobel getrost übernehmen können. Auch bei ihm verfolgen wir den Kampf aller gegen alle, auch auf seinem Floß geht es um den Nachweis, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sein kann, gesteuert von Trieben wie Selbsterhaltung, Eifersucht, Machtgier.

Bedrückende Nahsicht

Auf den letzten zweihundert Seiten bleibt dem Leser nichts erspart. In dreizehn Tagen reduziert sich die Besatzung von 147 auf fünfzehn. Die Menschen kämpfen, metzeln, morden und sterben in bedrückender Nahsicht und Langsamkeit. Hier wird ein Auge ausgestochen, dort ein Bein mit einer Axt amputiert, Schädel werden gespalten und ein Leib von einem Hai zerrissen, Urin getrunken und Menschenfleisch schmatzend verspeist. Vertreten sind Offiziersanwärter, Wissenschaftler und Matrosen, Menschen verschiedener Hautfarben und Religionen. Am Ende beschließen die Stärksten eine „Säuberung“, um die Chancen weniger zu verbessern. Dieses „Theater der Grausamkeit“ gibt sämtliche Werte von Kultur und Zivilisation preis: „Jetzt ist es also so weit, der Mensch zeigt seinen Kern, das, was sich hinter der Schminke der Moral und unter der Haut der Kultur verbirgt, das wilde Tier.“

Auf diesem Schlachtfeld von drastisch „ausgeweideten Leichen, zerschnittenen Gliedmaßen, Gedärmen, abgetrennten Füßen, Köpfen“ ringt Franzobel um Contenance. Immer wieder sucht er Erholung in ironischen Vergleichen mit Filmstars unserer Zeit, mit der „Costa Concordia“ oder der Flüchtlingspolitik. Diese Durchbrechungen sind so eigenwillige Kunstmittel wie Anachronismen in der Figurenrede: Abrissbirne, T-Shirt oder Mindestlohn waren 1816 noch keine Begriffe. Solche Stolpersteine wirken aber verzeihlich gegenüber dem Reichtum an Stillagen, die vom derben Ton einfacher Seeleute bis zur affektierten Sprache einer Gouverneursgattin oder zur mythologischen Herleitung des Namens Medusa reichen. Wenn das Schiff selbst flüstert, dann in Versen: „Leichen, nichts als Leichen. Schädel, die am Meeresgrund verbleichen, Namen, zum aus Listen streichen, Schicksale. Wollt ihr ihnen gleichen?“

Insgesamt ist Franzobel ein ganz und gar ungewöhnliches Buch gelungen: Statt eines Historienbildes fügt er aus dem glücklich gefundenen und unbekümmert neu erfundenen Ereignis ein literarisches Laboratorium zusammen, das der Erforschung von Menschen im Ausnahmezustand dient.

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