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Franz Baermann Steiner: Feststellungen und Versuche : Worüber man nicht staunt, das vergisst man

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Bild: Verlag

Canettis Zwilling: Franz Baermann Steiners „Feststellungen und Versuche“ sind ein geheimes Schlüsselwerk der deutschsprachigen Literatur.

          Im Herbst des Jahres 1945 denkt der in Oxford als Ethnologe und Schriftsteller lebende Prager Jude Franz Baermann Steiner über den Sinn von Strafen nach: "Bestrafung von Verbrechern hat kaum etwas mit den Übeltätern selbst zu tun; an ihnen wird kein Zweck erfüllt. Die Bestrafung hat vielmehr den Zweck, bei denen, die das Urteil verhängen (. . .) die Meinung zu bestätigen, alles nur irgend Mögliche geschähe, um die Wiederholung des Verbrechens zu verhindern." Die deutschen Städte liegen da in Trümmern, Hiroshima und Nagasaki sind vernichtet, aber fast nichts an Steiners anthropologischer Reflexion deutet auf einen aktuellen Bezug hin, auf die bevorstehenden Kriegsverbrecherprozesse etwa.

          Strafen sind, so folgert Steiner, auf die Zukunft gerichtet, sie entspringen einem Wunsch nach Schutz und sind eine Reaktion auf erlernte Ängste. Der Essay schließt: "Die angeborenen Ängste des Menschen betreffen bloß lautes Geräusch und tiefen Fall - nicht Feuer, Haare, Gerippe. Die andern Ängste sind angelernt, je mehr das Individuum ausgebildet ist." Erst hier, in diesen drei kurzen Bildern "Feuer, Haare, Gerippe", die die Krematorien, die Berge geschorenen Haars und die ausgemergelten Toten der Lager aufrufen, gibt das Denken seinen autobiographischen Hintergrund preis: Steiners Eltern starben in Theresienstadt; er selbst entging dem Holocaust, weil er 1938 von Wien nach London gegangen war, um bei dem berühmten Ethnologen Bronislaw Malinowski zu studieren.

          Literaturhistorisches Ereignis

          Das Erscheinen von Franz Baermann Steiners "Feststellungen und Versuche" als Abschluss einer dreibändigen Werkausgabe ist ein literaturhistorisches Ereignis. Die Herausgeber dieser umfangreichen Auswahl sprechen mit Recht von einem "Schlüsselwerk der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur" - und greifen damit noch zu tief. Denn obwohl von Steiner bis zu seinem frühen Tod 1952 nur wenige wissenschaftliche Beiträge publiziert waren, nimmt er eine Scharnierstelle der Geistesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts ein. In seinem bislang kaum zugänglichen Werk berühren sich Wissenschaft und Dichtung, anglo-amerikanische und kontinentale Denktraditionen, politisches Engagement und jüdisches Erbe. In diesen zunächst beiläufig begonnenen Aufzeichnungen versucht ein universal gebildeter Geist den Menschen in all seinen Erscheinungs- und Äußerungsformen in den Blick zu nehmen. Es ist beileibe kein Zufall, dass Adorno, der zur gleichen Zeit mit Horkheimer die "Dialektik der Aufklärung" verfasste, von Steiner sehr beeindruckt war (wenngleich auch er seinerzeit die posthume Publikation nicht befördern konnte).

          Die offenkundigste Parallele haben diese vom blitzenden Aphorismus bis zur philosophischen oder historischen Betrachtung reichenden Texte natürlich in den "Aufzeichnungen" von Elias Canetti. Die Schreibprojekte der beiden Freunde dokumentieren auf verschlungene Weise ein intensives Zwiegespräch, das mit Canettis Ankunft in England 1939 begann und erst mit Steiners Tod abbrach. Canettis "Provinz des Menschen", ebenfalls 1942 begonnen, war als eine Art Ventil während der langwierigen Arbeit an seinem Hauptwerk "Masse und Macht" gedacht, für das der Ethnologe Steiner viele Anstöße liefern konnte; komplementär hatten für Steiner damals seine - ebenfalls zu Lebzeiten unpublizierten - Gedichte Vorrang.

          Rivalität mit Canetti

          "Im Lob ist immer etwas Befehl oder Abschied enthalten", liest man bei Steiner und denkt an Canettis "Befehlspfeile"; ein anderes Mal fühlt man sich an den Grundeinfall aus seinem Drama "Die Befristeten" erinnert: "Wieviel Feindschaft gäbe es aber in der Welt, wenn man einem andren Menschen ansehen könnte, daß er einen überleben wird." Im Nachwort wird am Begriff der "Verwandlung" ein enger Zusammenhang mit Steiners ethnologischen Arbeiten, seinen Studien über "Sklaverei" und "Tabu" hergestellt. Canetti hat später den Dichter als "Hüter der Verwandlung" definiert. Die gemeinsame Vertraute (und Geliebte) Iris Murdoch erinnerte an eine bisweilen heftige Rivalität der beiden Freunde - in erotischer wie intellektueller Hinsicht; über die Urheberschaft von Ideen sei offener Streit ausgebrochen.

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