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Frankfurter Buchmesse : Risse, Küsse, Bisse

Schöne Literatur in diesem Herbst Bild: AP

Bringt das Leid der Dichter das Glück der Buchmesse? Und wie bringen wir mit dem Kopf unser Leben in Form? Vor dem Start der Frankfurter Buchmesse ein Überblick über die schöne Literatur und die Sachbücher dieses Herbstes - für das internationale Publikum auch auf Englisch.

          Mit guten Büchern unser Leben in Form bringen: Was es bei der schönen Literatur und beim spannenden Sachbuch in diesem Herbst Neues gibt. Zum Überblick über die Sachbücher gelangen Sie hier: Der Sachbuch-Herbst. (F.A.Z.)

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Wem auf Erden nicht zu helfen ist, der wird auch auf der Buchmesse nicht glücklich. Wenn wir uns Heinrich von Kleist nur für eine Sekunde in einer der Messehallen vorstellen, fällt uns sofort jener berühmte Satz ein, den Kleist an seinen Schwager schrieb: „Ich bitte Gott um den Tod und dich um Geld“. Kürzer und drastischer ist das Künstlerdrama der zwischen Erlösungssehnsucht und Verarmungsangst, zwischen Transzendenz und schnödem Diesseits hin und hergeworfenen Dichterseele nicht auf den Punkt zu bringen.

          Gleich drei Biographien versuchen in diesem Bücherherbst das Phänomen Kleist zu erhellen. Knapp und solide tut dies Herbert Kraft („Kleist“. Leben und Werk, Aschendorff Verlag), während Jens Bisky mit Leidenschaft und feuilletonistischem Schwung Kleist zum „größten politischen Dichter der Deutschen“ ausruft und nachzeichnet, welch heikle Konstellationen die Ideale der Aufklärung und der französischen Revolution in Kleists Leben und Werk eingingen („Kleist“. Rowohlt Berlin). Mehr dem Leben als dem Werk gilt das Interesse von Gerhard Schulz („Kleist“. Eine Biographie, C. H. Beck), der manches Rätsel auf dem Lebensweg des Dichters, etwa die nebulöse Würzburg-Reise, wie einen Luftballon behandelt: Leichthändig lässt er die Luft heraus. Bei aller kalten Logik im Lebensdetail wahrt Schulz aber den Respekt vor dem Rätselhaften der Gesamtexistenz.

          „Böse Schafe“ - eine bitterzarte Liebesgeschichte

          Wenn Kleist es überhaupt auf einer Buchmesse aushalten könnte, dann also auf dieser. Allerdings müsste er ertragen, dass es noch weitere Dichterbiographien gibt: Helmuth Kiesel („Ernst Jünger. Die Biographie“, Siedler-Verlag) hat sich ebenso wie Heimo Schwilk („Ernst Jünger“, Piper) einer Jahrhundertfigur gewidmet, Holger Hof schildert Gottfried Benns „Leben in Bildern und Texten“ (Klett-Cotta), und Thomas Karlaufs vielbeachtete Biographie eines charismatischen Charakters („Stefan George“, Blessing) setzt in der George-Forschung neue Maßstäbe. Die wichtigste Neuausgabe eines Klassikers gilt Stendhal: Elisabeth Edl hat „Die Kartause von Parma“ (Hanser) glanzvoll neu übersetzt.

          Dass man kein Dichter sein muss, um am Leben zu scheitern, beschreibt eindrucksvoll Katja Lange-Müller. Sie hat mit „Böse Schafe“ (Kiepenheuer & Witsch) eine bitterzarte Liebesgeschichte geschrieben, von der schnoddrigsten Sentimentalität, mit geradezu selbstmörderischer Furchtlosigkeit vor Klischees und von großer Glaubwürdigkeit und Würde. Der Roman spielt im Berliner Sozialhilfe- und Fixermilieu der Vorwendezeit, und selten erschien das alte West-Berlin so klein, kaputt und reizlos wie hier. Umso erstaunlicher, welche Kraft Katja Lange-Müller in diese Liebesgeschichte zu legen vermag, von der bis zum Schluss nicht deutlich wird, ob es sich nicht doch nur um die mit Zähnen und Klauen verteidigte kleine Illusion eines großen Herzens handelt.

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